Alles eine Frage des Zufalls? - RNG in Games

Wie es der Zufall so will. Oder doch nicht will. Ja was denn nun?

Jakob | bermuda 11.01.15

Wenig RNG bedeutet hohes Skillniveau? Oder andersherum: Je mehr RNG, desto weniger Skill ist von Nöten? Diese Gegenüberstellung könnte man als die "RNG-Gleichung" bezeichnen.

Was bedeutet RNG?

Bevor wir uns jedoch philosophischen Fragen wie diesen widmen, sollten wir klären, was RNG überhaupt bedeutet. Wir reden hier weder von der Rheinschen Netz Gesellschaft, noch vom Rupert-Neß-Gymnasium. In unserem Fall steht die kleine Abkürzung für "random number generator", was frei übersetzt so viel bedeutet wie zufällig generierte Zahl. Es beschreibt also den Zufallsfaktor, vor allem im Computer- und Gaminggenre. Dieser Zufallsfaktor ist in fast jedem Computerspiel zu finden. Angefangen bei Dropchancen für epischen Loot, über kritische Trefferchancen und Schadenswerte bis hin zum zufällig generierten Leveldesign in diversen Spielen. Bis zu einem gewissen Grad bestimmt RNG das virtuelle Leben eines jeden Gamers. Der schmale Grat zwischen Jubel und Frust, Glück und Pech sowie Sieg und Niederlage liegt häufig in den Händen des Zufalls. Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema wären.

RNG - zwischen Liebe und Hass

Wenn wir zunächst einmal auf die Casualgames schauen, ist RNG doch grundsätzlich etwas Positives. Per Zufall generierte Spielsituationen erhöhen den Wiederspielwert eines Games. Ohne RNG gäbe es wohl Spiele wie Diablo oder Path of Exile nicht. Oder würdet ihr länger als ein paar Tage Diablo spielen, wenn ihr die besten Gegenstände schon nach ein paar Stunden gesammelt hättet? Die Dropchancen für epischen Loot sind gering und wenn dann doch mal der braune oder grüne Stern auf der Karte erscheint, ist man umso glücklicher. Aber auch die immer wieder neu generierten Level machen Spiele wie diese so spannend. Es wird eben nicht so schnell langweilig - Abwechslung ist das Erfolgsrezept dieser Titel.

Doch sobald man gegen reale Gegner spielt, wird der Zufallsfaktor zum zweischneidigen Schwert. Sogar die Zugehörigkeit zum eSport wird in Frage gestellt, wenn es beispielsweise um eine Partie Hearthstone geht. Dazu bleibt natürlich weiterhin zu klären, was der Begriff des "eSports" genau beschreibt. Reichen einige Turniere und eine große Fanbase bereits für eine Stellung im kompetitiven virtuellen Wettkampf? Im Onlinekartenspiel von Blizzard gibt es jedenfalls mehrere Ebenen des Zufalls. Zum einen ist es zufallsabhängig, welche Karte man als nächstes zieht. In bestimmten Situationen könnte eine gewisse Karte zum Sieg verhelfen, wenn man sie doch nur ziehen würde. Dann gibt es noch den Münzwurf am Anfang einer jeden Partie. Dieser entscheidet, wer anfangen darf. Der Verlierer des sogenannten Coinflips bekommt jedoch eine zusätzliche Karte auf die Starthand, sowie die Karte "Die Münze". Diese gibt dem Besitzer ein zusätzliches Mana für einen Zug. Je nach gespieltem Deck und Strategie können beide Ausgangsmöglichkeiten des Münzwurfes über einen Vor- oder Nachteil entscheiden. Außerdem gibt es in Hearthstone eine ganze Reihe von Karten, die einen zufallsgenerierten Effekt haben. Somit ist es nicht gerade eine Seltenheit, dass ein entscheidender Brawl oder ein Ragnaros'scher Facehit dem einen Spieler vor Wut die Tränen in die Augen treibt, während der andere vor Glück seine Mutter anruft. So, oder so ähnlich jedenfalls.

Ein extremes Beispiel für die Zufallseffekte von Hearthstonekarten ist die Schamanenkarte "Crackle". Diese kann, je nachdem wie der Zufall seine Würfel rollt, zwischen drei und sechs Schaden verteilen.
Eine Liste aller Karten mit zufallsbasierten Effekten findet ihr bei Gamepedia. Aber gerade das macht Spiele wie Hearthstone doch so interessant und spielenswert. Die Ungewissheit, was als Nächstes passiert. Die Situationen in denen man wortwörtlich alles auf eine Karte setzt. Und dann gewinnt. Ohne diese entscheidenden Zufallssituationen würden die Spieler vermutlich schnell das Interesse verlieren. Aber zum Glück gibt es ja noch die Erweiterungen, die stetig neue Karten ins Spiel bringen. Denn wenn noch dazu das Metagame ins Stagnieren gerät, sind Hopfen und Malz schnell verloren. Man sieht also, dass RNG für Casualspiele durchaus Sinn machen. Es macht ein Spiel langfristig interessant und bringt häufig spannende Situationen hervor, ohne die so manches Spiel sehr schnell seinen Reiz verlieren würde.

Zufall im Wettkampf

Im wettbewerbsorientierten Spiel sollten jedoch grundsätzlich die Fähigkeiten der Kontrahenten im Vordergrund stehen. Das gilt für den eSport genauso wie für klassische Sportarten. Trotzdem ist RNG in jedem der großen eSport-Titel zu finden. In Mobas wie League of Legends oder Dota 2 kann ein kritischer Treffer über den Ausgang eines Teamkampfes entscheiden. Die zufällig generierten Startpositionen bei Starcraft 2 oder CS:GO entscheiden in bestimmten Matchups über die gespielte Strategie. Gerade weil diese Mechaniken so präsent und teilweise spielentscheidend sind, steht das Thema so heftig in der Kritik.

Für die Zuschauer der eSport-Events ist RNG grundsätzlich etwas Gutes. Dadurch entstehen, wie in den oben genannten Beispielen, immer wieder Momente der Hochspannung in denen das Publikum den Atem anhält. Die "big plays" werden häufig durch Zufallselemente hervorgerufen, was nicht zuletzt auch die Emotionen der eSport-Fans fördert. Der Spieler hingegen möchte so wenig RNG wie möglich haben. Wenn es in einem Turnier um ESL-Punkte oder gar um Preisgelder geht, möchte man die Entscheidung über Sieg oder Niederlage nicht in den Händen des Zufalls sehen. Der Sportler hat am liebsten alles so berechenbar wie es nur geht, um die Spielabläufe unter Kontrolle zu haben. Wenn wir jedoch noch einmal Hearthstone als Beispiel heranziehen, ist das nicht immer möglich. Schon alleine durch die zufällig gezogenen Handkarten hat selbst ein schlechterer Spieler immer eine geringe Chance, gegen einen Profi zu gewinnen, wenn dieser schlecht zieht. Doch was unterscheidet in Hearthstone einen Rang 10 Spieler von einem Top 8 Legendary Spieler? Der Rang 10 Spieler kann über die gleichen Karten verfügen wie der Profi, und hat dieselbe Chance eine gute oder schlechte Starthand zu ziehen. Trotzdem wird der Profi die meisten Spiele gewinnen, weil er seine Chancen besser berechnen kann. Er kann den spielerischen Wert seiner Züge besser einschätzen und ist somit in kritischen Situationen besser aufgestellt. Dieser Effekt tritt auch im professionellen Pokerspiel auf und wird als "Expected Value" (kurz: EV) bezeichnet.

In Egoshootern wie CS:GO kommt es zum größten Teil auf die Teamkoordination und die Reflexe der Spieler an. Trotzdem kommt selbst dieser Titel nicht ohne RNG-Elemente aus. Die Flugbahn der Kugel ist zu einem, wenn auch äußerst geringen, Teil zufallsgeneriert. Dieser so genannte "Spray" wird besser sichtbar, wenn man ohne die Zielvorrichtung schießt, was auch als "noscope" bezeichnet wird.

Vergleichsweise wenig RNG findet man in Starcraft 2. Wenn keiner der beiden Spieler den Zufall über seine Rassenwahl entscheiden lässt, sind lediglich die Startpositionen zufällig. Und das auch nur auf Drei- oder Vierspielerkarten. Ansonsten ist jedes Detail, jede Truppenbewegung und jede noch so kleine Entscheidung vom Spieler selbst abhängig. Daher wird Starcraft 2 häufig mit Schach verglichen. Da es dort ebenfalls lediglich eine zufallsgenerierte Entscheidung gibt - und zwar die Farbwahl, welche den ersten Zug bestimmt.

Wer der englischen Sprache mächtig ist, findet in diesem Video vom Youtubekanal "Extra Credits" einige weitere gute Ansätze zum Thema RNG im eSport.

Alternativen zum klassischen RNG

Multiplayerspiele wie Dota 2 oder League of Legends beinhalten bekannterweise zahlreiche Arten von RNG. Bei Dota hat beispielsweise der Schaden von Autoattacks der Helden eine gewisse, zufallsabhängige Varianz. Dies lässt sich auf die zufälligen Schadenszahlen der Einheiten in Warcraft 3 zurückführen. Jedoch bietet Dota 2 einige gute Alternativen zum klassischen RNG. Anstatt einer gewissen Chance auf einen kritischen Treffer kann beispielweise jeder fünfte Autoattack ein kritischer sein. Ein gutes Beispiel hierfür bietet der League of Legends Champion Udyr. Mit seiner Fähigkeit "Phoenix Stance" verteilt er bei jedem dritten Autoattack einen kleinen Flächenschaden vor sich. Die Fähigkeit "Bear Stance" erlaubt es ihm, seinen Gegner mit jedem Angriff für eine Sekunde zu betäuben. Dieser Effekt kann jedoch nur einmal innerhalb von mehreren Sekunden auftreten. Eine weitere Alternative findet sich in Dota 2 und wird "PRD" genannt. PRD steht für "Pseudo-random distribution". Die Chance, dass ein Effekt eintritt erhöht sich jedes Mal, wenn dieser nicht eintritt. Mit anderen Worten: Jeder Autoattack der kein kritischer Treffer ist, erhöht die Chance, dass der nächste einer wird. Wer sich genauer darüber informieren möchte, findet im Dota 2-Wiki Eintrag zu PRD noch mehr Details.

Eure Gedanken zum Thema RNG?

Beim Thema RNG wird die Gamingcommunity vermutlich nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Das Thema ist einfach zu komplex und umstritten. Die "RNG-Gleichung" wird somit wohl nie gelöst werden. Trotzdem interessiert uns eure Meinung. Findet ihr, dass RNG-Elemente in eSport-Titeln vorkommen sollten? Wird durch mehr RNG weniger Skill benötigt? Oder fördert der Zufall am Ende doch den Spaß am Spielen? Doch selbst wenn das Glück im Spiel stets auf eurer Seite ist, vergesst nie: Luck. Is. No. Excuse.

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Autor: Jakob | bermuda

Jakob. Vasall der Redaktions-Fraktion seit etwas über einem Jahr. Abseits von Bonjwa bin ich Technikjournalismus & PR-Student im fünften Semester, Kletterfreund und Hearthstone-Mastermind. Die eSport-Szene verfolge ich seit 2010 und in Zukunft versorge ich euch mit allem, was mir zur Gamingwelt durch den Kopf geht.

11. Januar 2015 - 21:05
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Line
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09.12.2016 - 15:24
18.11.13
346

Einziger Grund weshalb ich noch nicht WCS Gewinner war bisher, ganz eindeutig. Kappa Guter Artikel

12. Januar 2015 - 8:07
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Granas
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20.08.2017 - 23:48
03.08.14
100

Interesanter Ansatz besonders im Video.

Besonders das mit dem wie kann man es einsetzten. Aber dann müssten Laddermatches z.B. im bo 5-7 auf einer Map ausgetragen werden.

Was ich neues dazu noch einwerfen möchte sind

1.Die Intensität von Luck. Es gibt Luck, dass einen ein wenig in Vorteil gibt bzw. was man noch kontrollieren kann. Beispiel Hearthstone: Du kannst Karte macht 2-4 Schaden. Dann reduzierst du die LP des Monsters auf 2 oder hast danach noch Monster zum finishen. Das ist cool und macht noch spaß. Die Items bei WC3 waren da schon was ganz anderes. (Siehe Blademaster). Und es gibt Spiele wo das noch stärker der Fall ist.

2. Spielabhängiges vs Spielerabhängiges Luck. Spielabhängiges Luck kommt vom Spiel aus und ist fremdbestimmt. Spielerabhängiges Luck sind Entscheidungen die trotzdem mit Glück zu tun haben können. Wo schicke ich meine Units hin? (Die Army des Gegners könnte an einem Observer vorbei laufen, wenn ich allerdings 100% aufgedeckt habe, kann mir wenig passieren.

12. Januar 2015 - 17:50
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DarkLord
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13.01.2015 - 14:52
12.03.14
9

Denke nicht das BO 5-7 in der Ladder notwendig sind. Einmal würde es den kompletten "Sinn" der Ladder kapput machen und zweitens kann man ja in hunderten von Spielen seinen Skill zeigen. Das Problem sehe ich eher in den Tunieren, besonders in BO 1/3, in denen eine Map alles entscheiden kann.

12. Januar 2015 - 19:02
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bermuda
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06.12.2017 - 17:25
16.11.13
30

Ich finde auch nicht, dass eine bo7 Ladder Sinn machen würde, vor Allem in Games wie Starcraft 2. Das Laddersystem ist sogar sehr gut, sogar für Spiele mit mehr RNG-Elementen (Bsp. Hearthstone). Wer mehr spielt, wird besser, gewinnt demzufolge mehr Spiele als andere und steigt im Rang nach oben. Sehr Simpel.