Aufgedeckt: It's a Match! - Poker Likes eSport

Gamer gewinnen Millionen am Kartentisch und es gibt kein eSport-Event mehr, bei dem nicht auch das Klappern von Pokerchips zu hören ist. Welche Parallelen gibt es zwischen den beiden Szenen und woher kommt die riesige Anziehungskraft?

Hagbard 26.10.16

Letzte Woche haben wir für euch in der Artikelreihe "Aufgedeckt" die knisternde Magie von Magic: The Gathering beleuchtet. Heute ist ein echtes Urgestein an der Reihe: Poker. Jeder, der noch daran gezweifelt hat, wie nahe Poker und eSport mittlerweile aneinander gerückt sind, muss sich das spätestens seit der diesjährigen World Series of Poker noch einmal überlegen. Bei den Pokerfestspielen in Las Vegas hat der ehemalige Counter-Strike Champion Griffin 'ShaGuar' Benger 6.728 Spieler hinter sich gelassen und den Finaltisch (link is external) des legendären Main Events erreicht. Somit gehört er nun zu den November Nine, den neun Spielern, die ab dem 30. Oktober drei Tage lang um einen Jackpot von acht Millionen Dollar und das goldene Armband des Poker-Weltmeisters kämpfen werden.

Einer, der schon gewonnen hat, ist Fedor 'CrownUpGuy' Holz. Der 23 jährige deutsche Profispieler, der in den letzten Jahren einen unfassbaren Lauf (link is external) hinter sich hat, sicherte sich das Armband im High Roller for One Drop (link is external), ein Erfolg, der dazu fast fünf Millionen wert war. Dabei präsentierte er sich am Finaltisch und auf den Siegerfotos im Trikot von Team EnVyUs. Zwar ist der junge Poker-Superstar wohl nur privat Fan des Teams, der Symbolkraft des Bildes tut das jedoch keinen Abbruch.

Spieler spielen

Auch sonst gibt es auf der Ebene des Spieler-Pools unzählige Namen, die beide Welten verbinden. Auch einige deutsche Pokerspieler, wie der Team PokerStars-Pro George Danzer, versuchen mittlerweile die eSport-, in seinem Fall die Hearthstone-Szene, aufzumischen. Aber keiner der möglichen Namen steht so sehr für das Verschmelzen von eSport und Poker wie Bertrand 'ElkY' Grospellier. Der Brood-War-Pro und Champion der World Cyber Games 2001 war Anfang des Jahrtausends einer der ersten Foreigner, die auszogen, um die Schlachtfelder Koreas zu erobern. Obwohl ihm dort der ganz große Ruhm verwehrt blieb, sind seine Auftritte mit überdimensionaler Sonnenbrille und wilder pinker Mähne doch unvergessen. 2004 wendete er sich dann immer mehr den Kartentischen zu und gab seine Gaming-Karriere zwischenzeitlich auf, um Vollzeit-Pokerspieler zu werden. Eine Entscheidung, die der Franzose – zumindest finanziell – wohl kaum bereut hat. Momentan belegt er mit Gewinnen von etwas über zehn Millionen Dollar Rang 40 (link is external) der All Time Money List im Live-Poker und ist einer von nur fünf Spielern, denen es gelungen ist – durch einen Turniersieg bei der WSOP, der World Poker Tour und der European Poker Tour – die sagenumwobene Triple Crown zu erreichen. Die Begeisterung für den eSport hat ElkY jedoch nie verloren und mit seiner Unterschrift (link is external) für das Hearthstone-Roster von Team Liquid ist er nun auch wieder ins professionelle Gaming zurückgekehrt.

Winner Winner Chicken Dinner

Kaum ein Thema wird im eSport so ausgiebig besprochen, wie der unglaubliche Boom, den die Industrie in den letzten Jahren durchlebt hat. Auch hier zeigen sich Parallelen zum Poker, hat dieser Sport doch, trotz einer Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurück reicht, in den letzten Jahrzehnten einen ähnlich raketenhaften Aufstieg hinter sich.

Als Chris Moneymaker im Jahr 2003 als erster Amateurspieler das Main Event der WSOP gewinnen konnte, nahmen an dem Turnier 839, damals fast ausschließlich professionelle, Spieler teil und das Preisgeld für den ersten Platz betrug 2.5 Millionen Dollar. Wer damals seine letzte WSOP gesehen hat, würde sie heute nicht mehr wiedererkennen.

Main Event Ten-Handed Final Table (link is external) von flipchip / LasVegasVegas.com, Lizenz: CC BY-SA 3.0 (link is external)

Nur drei Jahre später, als James Bond in Casino Royale die ganze Welt mit Texas Holdem vertraut machte und der wohl umstrittenste Poker-Weltmeister Jamie Gold seinen Titel feierte, hatten 8.773 Spieler die 10.000 Dollar Buy In auf den Tisch gelegt und zwängten sich nun durch die heillos überfüllten Hallen des Rio Casinos. Am Ende des neuntägigen Turniers konnte Gold mit einem Jackpot von 12 Millionen Dollar das zu diesem Zeitpunkt höchste jemals in einem Sportevent ausgeschüttete Preisgeld für sich verbuchen.

Ab ins Netz

In dem Maße, wie sich immer mehr Amateurspieler für Poker begeisterten, ist auch die Online-Poker-Szene gewachsen. Schon im Jahr 2012 hatte Online-Poker einen Gesamtwert von ca. 6.7 Milliarden Dollar (link is external), selbst der Black Friday im April 2011, seit dem Online-Poker in den USA de facto illegal ist, konnte dem Wachstum der Industrie keinen Riegel vorschieben. Dagegen wirken die knapp 750 Millionen Dollar, die im letzten Jahr mit eSport umgesetzt wurden, fast schon bescheiden.

Finanziell kann sich eSport momentan also noch nicht mit Poker messen, dafür hat er große Vorteile in einer anderen entscheidenden Kategorie: Der Fanbase. Untersuchungen gehen davon aus, dass es weltweit jeweils über 140 Millionen (link is external) eSports-Enthusiasten und -Interessierte gibt, die enorme Zuschauerzahlen hervorbringen. Von den insgesamt 32 Millionen Zuschauern, die die League of Legends World Championship 2015 gesehen haben, können auch die größten Poker-Events nur träumen. Obwohl auch im Poker von einer beachtlichen Spielerbasis ausgegangen werden kann – feierte doch allein PokerStars Anfang des Jahres 100 Millionen Spieler (link is external) –, lockt das WSOP Main Event laut ESPN höchstens zwei Millionen Zuschauer vor die Bildschirme.

Fühlt euch wie zu Hause!

Längst haben daher viele Pokerspieler auch Twitch für sich entdeckt und scheinen sich im natürlichen Habitat des eSports pudelwohl zu fühlen. Das Streamen des Online-Poker-Alltags erfreut sich auch beim angestammten Twitch-Publikum großer Beliebtheit und ist aus der Online-Poker-Szene kaum noch wegzudenken. Die Kanäle von Spielern wie Jason 'JCarver' Sommerville oder Jaime 'Pokerstaples' Staples müssen sich mit ihren Zuschauerzahlen auch vor den Granden des eSport nicht verstecken. So wie viele eSport-Disziplinen eignet sich Online-Poker sowohl hervorragend, um in Streams die Gedankengänge der Pros nachvollziehen und sich so Tricks für das eigene Spiel abschauen zu können, als auch um sich durch ihre Reaktionen auf Bad Beats oder die rettende Karte unterhalten zu lassen. Während die klassischen Railbirds nur die Action auf dem Tisch verfolgen konnten, sind sie auf Twitch ganz nah an den Spielern dran und haben die Möglichkeit, direkt mit ihnen über die verschiedenen Taktiken zu diskutieren.

Nicht umsonst war die Global Poker League (link is external), die mit ihrem team- und ligabasiertem Format auch daran arbeitet, Poker näher an den eSport zu bringen, mit einem großen Aufgebot (link is external) auf der diesjährigen TwitchCon vertreten.

Quelle: Global Poker League (link is external)

Füreinander geschaffen

Es benötigt kein BWL-Studium um zu erkennen, dass sich hier Synergien ergeben können. So kann es nicht überraschen, dass es in den letzten Jahren immer mehr Kooperationen zwischen eSport- und Poker-Organisationen entstehen. Die bisher prominenteste wurde im Mai 2016 bekannt (link is external). Die größte Online-Poker-Plattform PokerStars steigt als Sponsor bei Team Liquid ein. Die Zusammenarbeit wird sich aber nicht auf ein reines Sponsoring beschränken. Team Liquid-Spieler sollen ihrem Twitch-Publikum Online-Poker näher bringen und mit den PokerStars-Profis unter gemeinsamer Flagge an Poker Turnieren wie Events der EPT teilnehmen.

Andersherum werden prominente Pokerspieler wie Lex 'RaSZi' Veldhuis oder Randy 'nanonoko' Lew zukünftig gelegentlich in Streams der Team Liquid-Pros auftauchen. Mit Daniel 'Kid Poker' Negreanu hat PokerStars auch einen der beliebtesten Pokerspieler weltweit für die Operation eSport gewinnen können. Der sympathische Kanadier, der den Rekord (link is external) für die meisten gewonnen Preisgelder bei Live-Turnieren hält, lässt die Öffentlichkeit mittlerweile regelmäßig an seinen – oftmals eher komödiantischen - Gehversuchen in Hearthstone teilhaben.

Kein Ende in Sicht

PokerStars ist aber bei weitem nicht das erste Unternehmen aus der Poker-Welt, das versucht im eSport Fuß zu fassen. Bereits Ende letzten Jahres ist beispielsweise Full Tilt Poker bei G2 eSports eingestiegen (link is external). Nur wenige Monate später ist es Full Tilt als erster Online-Poker-Plattform gelungen, ihre Free-2-Play Software im Steam-Shop zu platzieren (link is external) und so für 125 Millionen Spieler zugänglich zu machen.

Diese Partnerschaften werden nicht die einzigen bleiben, zu attraktiv muss der eSport-Markt auf Online-Poker-Unternehmen wirken. Schon jetzt informiert Team Liquid seine Follower über Angebote und Events auf PokerStars. Bei diesen handelt es sich hauptsächlich um junge, verschiedenen Spielen zugeneigten Männern, also genau die Demographie, um die die Pokerindustrie mit ihrem Marketing als neue Spieler wirbt.


Ist Poker für euch als Gamer interessant oder sollen die Karten im Casino bleiben?

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Hagbard

Teilzeit-Nerd, der stets versucht, den Schmerz über die letzte Niederlage des LFC in einer ausgeprägten Sucht nach StarCraft und Serien zu ertränken. PS: <3 Zerg