BarCraft - Entwicklung und Zukunft

Was kann schöner sein, als sich mit Freunden und solchen, die es werden wollen, in einer Bar zu treffen und sich Starcraft II anzusehen? Richtig: Absolut nichts! Deswegen sehen wir uns dieses Phänomen heute einmal genau an.

Chrissi | Coolhand 03.09.15

Sich mit Menschen ein Hobby zu teilen endet manchmal darin, in einer Gruppe zusammen zu sitzen und Bildschirme anzuschreien. Ob man Leuten mit Bällen oder eSportlern zu sieht, spielt dabei keine Rolle.Vielleicht sind die Zuschauer der letzteren Kategorie sogar noch etwas vokaler. Was allerdings auch eine ihrer größten Stärken darstellt, denn so wächst die Videospielgemeinde exponentiell. Und somit verlassen auch immer mehr Gleichgesinnte ihre heimischen Monitore und horten sich in tuschelnden Gruppen vor einem noch größeren Schirm um ihre Lieblingsspieler anzufeuern. Sofern dies dann noch in einer Bar stattfindet, reden wir von BarCraft.

Zum ersten Mal trat dieses Phänomen 2011 in den Vereinigten Staaten, genau gesagt im "Chao Bistro and Bar" in Seattle, auf. Reddit spielte hierbei eine große Rolle, als der User o_Oskar einen neuen Thread öffnete und die Leute dazu einlud, in der Bar bei ein paar Bieren die Matches der North American Star League zu verfolgen. Obwohl er mehrmals die Internetleitung der Bar testete, kam es während des Public Viewings wiederholt zu technischen Problemen, die unter anderem aber auch vom damaligen Portal justin.tv ausgingen. Zudem wurde der Betreiber des Chao vollkommen von den Fans überrannt. Weder er noch seine Angestellten waren auf über 150 StarCraft 2-Nerds eingestellt.

Zum OP sagte er später: "I thought it would be ten of you guys." ("Ich dachte es kommen vielleicht zehn von euch Typen."). Die Unzulänglichkeiten wurden im Nachhinein auch mehrfach auf Reddit entschuldigt, doch niemanden schien es wirklich zu stören. Im Gegenteil: Die User wollten mehr. Schon im Vorfeld wurde der Thread mit Antworten von Benutzern überschüttet, die in anderen Regionen der USA oder sogar auf anderen Kontinenten lebten und sich so etwas auch in ihrer Stadt wünschten. Das erste BarCraft wurde also ein voller Erfolg und heute, vier Jahre später, ist dem ganzen noch keine Flaute anzumerken.

Die ersten BarCrafts in Europa fanden nur drei Monate nach dem gedenkwürdigen Abend in Seattle statt. Neben London und Stockholm veranstalteten zur DreamHack Winter 2011 auch viele andere europäisc

he Städte gesellige Runden mit Fans des RTS aus dem Hause Blizzard. Auch Deutschland schloss sich dieser Runde an, erst mit privaten Treffen und im Oktober 2011 schließlich auch mit den ersten offiziellen BarCrafts. Berlin und Aachen waren hierbei die Pioniere im deutschen Raum. Etwas später schlossen sich Hamburg, Leipzig und München an, die neben anderen Städten auch heute noch aktiv Public Viewing-Events organisieren. München veranstaltete das bisher größte deutsche BarCraft mit circa 300 Besuchern und konnte damit für einige Aufregung und auch Aufmerksamkeit von Sponsoren, Medien und Blizzard selbst sorgen.

Heute verbreiten sich die BarCrafts nicht nur geografisch, sondern auch auf andere eSport-Titel wie League of Legends oder Dota 2. Auf der ESL One in Frankfurt hatten wir

nun die Chance mit Lari von BarCraft Stuttgart zu sprechen, der (mit Unterstützung von ARLT) einen Fanbus zum Stadion organisierte. So wurde schon die gut dreistündige Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt zum Fantreffen - inklusive Diskussionen und ordentlich Vorfreude.


Redakteurin Coolhand (Rechts) im Interview mit Lari von Barcraft Stuttgart (Links)

Interview mit Lari Syrota

Seit wann existiert BarCraft Stuttgart/Piing?

Die Idee dazu, in Stuttgart ein BarCraft aufzubauen, hatte ich Anfang 2012 – also als das Thema gerade in aller Munde war. Anfangs gelang es mir bloß nicht, eine geeignete Location zu finden. Zum Glück kam Ende des Jahres Matthias vom SkyBeach Stuttgart auf mich zu und bekundete Interesse an einem Event. Das ist dann zur DreamHack Winter 2012 gestiegen und war gleich ein voller Erfolg - mit über 100 Leuten vor Ort. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

Wer bist du eigentlich? Und wie sieht dein Aufgabenbereich bei BarCraft Stuttgart/Piing aus?

Ich bin nun schon etwas länger im eSport aktiv. Es fing 2006 mit hoorai an - seinerzeit eines der bekannteren deutschen Teams. Damals war alles natürlich noch etwas kleiner als heute, aber wir haben trotzdem einen ziemlich hohen Professionalitätsgrad an den Tag gelegt und wurden dafür mit spielerischen Erfolgen belohnt. Später bin ich bei der ESL gelandet. Dort habe ich 2013 die RaidCall EMS One verantwortet und damit Counter-Strike: Global Offensive und Dota 2 etabliert – das hat richtig Spaß gemacht. Bei Piing kümmere ich mich im Endeffekt um die Koordination aller Projekte, vorrangig aber um das Marketing und die Kommunikation mit unseren Partnern, vor allem ARLT Computer.

Ihr verändert euch gerade sehr. Wofür steht "Piing" und was steckt hinter dem Wandel?

Wir sind fest von unserer Mission überzeugt, Gamer und eSport-Fans lokal zu verbinden. Immer wieder sehen wir auf unseren Events, wie froh die Leute sind, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Auch immer mehr Unternehmen erkennen den Wert solcher lokalen Initiativen. Hier möchten wir ansetzen. Und zwar zum einen, indem wir unser Engagement verstärken, was eigene Events betrifft, aber auch in Form einer Web-Plattform. Dazu gehörte als erster, wenn nicht gar überfälliger Schritt, uns vom doch relativ eng eingegrenzten Begriff 'BarCraft' zu emanzipieren. Deshalb nun Piing. To state the obvious: Der Ping, also die Latenzzeit, gibt Auskunft über die Entfernung zwischen zwei Spielern – und durch die beiden miteinander verbundenen 'i' möchten wir den Gemeinschaftsgedanken hervorheben. Ganz nett, oder?

In welchen Locations findet euer Public Viewing statt?

Wir beziehen seit nunmehr 3 Jahren in den Wintermonaten die Bar des SkyBeach Stuttgart - direkt am Stuttgarter Hauptbahnhof auf dem Dach eines Parkhauses gelegen. Dort gibt es im Winter zwar keinen Sand, aber eine schöne Räumlichkeit, die nach unserem ersten Event sogar extra einen Beamer für uns angeschafft hat. Um ehrlich zu sein, schauen wir uns aber gerade nach Alternativen um. So langsam gelangt die Bar nämlich an ihre Kapazitäten – wir glauben, mit einer größeren Location können wir noch mehr Leuten ein cooles Public Viewing bieten.

Wie viele Personen wirken bei euch mit?

Wir haben zwar noch eine Handvoll Helfer, die wir bei Bedarf hinzuziehen, aber die meiste Arbeit lastet im Stuttgarter Raum auf den Schultern von mir und Tobias – den ich noch aus den alten hoorai-Tagen kenne. Zusätzlich haben wir noch vier Jungs, die vorrangig an der Web-Plattform arbeiten. Gut möglich, dass wir personell demnächst etwas aufstocken werden, gerade auch wenn es darum geht, über Stuttgart hinaus etwas aufzubauen.

In welche Richtung entwickelt sich der eSport deiner Meinung nach?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache – und sie sehen richtig gut aus. Neue Unternehmen engagieren sich, darunter auch Marken, denen man das vor einigen Jahren noch gar nicht zugetraut hätte. Nicht zuletzt dadurch, dass es der ESL finanziell gut geht, erwarte ich in den nächsten Jahren eine ziemlich hohe Stabilität in der Szene. Gleichzeitig muss aber auch gesagt werden, dass es hier und da noch ziemlich stark nach 'Wild Wild West' aussieht. Vielerorts herrschen überzogene Erwartungen und damit einhergehend werden Konzepte aus dem Boden gestampft, die in dieser Form keine Zukunft haben können. Ich würde mir einfach etwas mehr gesunden Menschenverstand wünschen und klarere Strukturen gerade im Bereich der Teams. Das Transferchaos, das Dota 2 nun ein Jahr lang zurückgeworfen hat, ist ein gutes Beispiel.

Kürzlich seid ihr zusammen mit Fans zur ESL One gefahren. Möchtet ihr so etwas in Zukunft regelmäßiger machen?

Prinzipiell schon. Wie oft sich die Gelegenheit dazu bietet, ist wieder eine andere Frage. Frankfurt bot sich aufgrund der Entfernung ja geradezu an. Jedenfalls waren sowohl unsere Fahrgäste, als auch unsere Partner sehr zufrieden damit – von daher sind wir sehr an einer Wiederholung interessiert.

Falls ja, Welche eSport-Titel möchtet ihr abdecken?

Diesbezüglich bin ich ganz pragmatisch: Alles, was eSport ist und entsprechend viele Menschen zu begeistern weiß, ist auch für uns relevant. Aktuell sehe ich da neben Dota 2 natürlich vor allem League of Legends und Counter-Strike: Global Offensive, aber auch Starcraft 2 oder Hearthstone wären sicherlich spannend. Sollte es jemals zu einem großen Quake-Live-Revival kommen, sind wir sicherlich auch an vorderster Front dabei!

In unserem zweiten Teil von BarCraft - Entwicklug und Zukunft sprechen wir dann mit Andy von BarCraft Köln, der gerade im Begriff ist, die erste ganz eigene Location für BarCraft in Köln zu eröffnen!

Vielen Dank an dieser Stelle auch noch einmal an piing für das nette Interview und die Offenheit!

Titelbild: By PizzeriaVenti (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

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Autor: Chrissi | Coolhand

Chrissi, Assistenz der Geschäftsleitung | Turnier Administration | Die innere Uhr von Bonjwa.

5. September 2015 - 13:24
Bild des Benutzers ChrizMoh
ChrizMoh
Benutzer
Offline
09.02.2017 - 21:05
07.04.15
21

Geschafft! Sicher und ohne Zwischenfälle vom "Game of the Month" Artikel hierher gekommen. Sehr schön verfasster Auftakt und ein ziemlich aufschlüssiges Interview - wirklich gut gelungen. Bitte künftig mehr davon.

Für mich hört sich das alles verdammt großartig an! Das dürfte 'ne neue Art an Möglichkeiten eröffnen und künftige Barbesuche erschwinglicher machen. Besonders für Wesen, die mehr in der digitalen Welt verbringen als in der realen. So wie ich! Aktuell kursiert eher das Phänomen, dass sich stupides Balzverhalten und Hirnzellen-Genozide die Hand geben - und das kann einen schnell dazu veranlassen das Weite zu suchen. Stattdessen sich mit jemandem über Starcraft-Matches auszutauschen, einen Tinitus riskieren, während Fangirls Nordkorea-Heroen zujubeln und die digitale Barriere zwischen Freundschaften zu brechen, lockt einem schon eher hinter seiner Pizzakarton-Burg hervor. Ich hoffe sehr, dass sich viele Bars daran ein Beispiel nehmen und sich dieses Konzept wie ein Zergling-Schwarm verbreitet. Mich hast Du mit den Gedanken infiziert und obendrauf hab ich jetzt Lust auf'n paar Tequila Body Shots in Kombination mit einem gesiegeten Tank. Und das nicht mit einer Frau, die mich fragt, ob ich ihr einen Drink ausgebe und im selben Atemzug noch anschließend auf'n Kaffee bei ihr besteht... nach drei Uhr morgens - also echt! Dann doch lieber mit einer, die mich folgendes fragt: "Wie sieht Dein Follow-Up aus, nachdem Dein 1 Base Combat Shield Push in die Binsen geht?" Das ist doch wesentlich anspruchsvoller und unterhaltsamer. Und mit dieser Frau trinke ich schon eher einen Kaffee ... am Morgen danach.