Erfolgreich aber namenlos: Woher kommen MOBAs?

MOBAs sind inzwischen ein wichtiger Teil der internationalen eSport-Szene. Woher stammt eigentlich der Begriff 'MOBA' und wo liegen die Wurzeln von Dota 2, League of Legends & Co? Die Geschichte des Genres bietet spannende Eindrücke.

Niko | Flakes 27.06.15

Denken wir an Spiele wie League of Legends, Dota 2 oder Heroes of the Storm und sollen sie in ein Genre einordnen, dann scheint die Antwort offensichtlich zu sein: Das sind MOBAs. Die Regeln und Abläufe eines MOBAs wirken wie in Stein gemeißelt – der Name ist das überraschenderweise nicht. Bei uns lest ihr, was genau ein MOBA ist, woher der Begriff kommt und warum das Genre lange ohne Namen auskommen musste.

Die Wurzeln reichen tief

„Die Ursuppe ist vorhanden“ - so soll Tom Caldwell, Game Director bei Riot Games, vor zehn Jahren auf Dota reagiert haben. Als er die damalige Modifikation für Warcraft 3: Reign of Chaos das erste Mal sah, erkannte er eine Menge Potenzial. Und er sollte Recht behalten: Mit großen Titeln wie Dota 2 und League of Legends stehen MOBAs heute mit beiden Beinen felsenfest im eSport. Während gleichzeitig ganze acht Millionen Zuschauer das Finale der League of Legends World Championship mitverfolgten, stellt Dota 2 mit bisher 14 Millionen Dollar dieses Jahr das größte eSport-Preisgeld aller Zeiten. MOBAs sind für den die Szene unersetzlich geworden.

Die Wurzeln des Genres reichen bis Starcraft 1 zurück – nämlich bis zur Custom-Map „Aeon of Strife“. Die Grundidee: Der Spieler soll statt vieler Einheiten einen einzelnen, starken Helden steuern. Die meisten MOBA-Mechaniken, wie sie heute gebräuchlich sind, stammen aber aus der Warcraft 3-Modifikation Defense of the Ancients – oder eben Dota. Die wurde vom Modder Eul entwickelt und sorgte bei Spielern für viel Begeisterung und schlaflose Nächte. Wenig später übernahmen Steve „Guinsoo" Feak und Steve „Pendragon" Mescon die Entwicklung von Dota.

Der ganze Trubel um die kostenlose Mod ließ durchblicken, wie viele Möglichkeiten das Genre bereits vor zwölf Jahren bot. Auch das damals noch junge Studio Riot Games erkannte hier eine Menge Potenzial. Im Jahr 2007 holte Riot Games die zwei Dota-Entwickler Guinsoo und Pendragon an Bord. Im gleichen Jahr startete das kalifornische Studio die Arbeiten an einem eigenen MOBA: League of Legends. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Genre komplett namenlos. Kein Entwickler benutzte bis zu diesem Zeitpunkt den Begriff MOBA – meistens wechselte man zwischen Bezeichnungen wie „Tower Defense“, „Hero-Defense" oder „Action-RTS“.

Als League of Legends Ende 2009 veröffentlicht wurde, waren die Parallelen zur beliebten Modifikation offensichtlich. Schnell wurde League of Legends als „Dota-like“ gebrandmarkt. Das ist nicht verwunderlich, schließlich arbeiteten die gleichen Entwickler an League of Legends, die schon Dota maßgeblich geprägt haben. Der Vergleich gefiel Riot Games aber nicht sonderlich - prompt wurde der Begriff MOBA geschaffen: Multiplayer Online Battle Arena. Lange nach der Beliebtheit des Genres kam auch der Name mit sechs Jahren Verspätung an.

Ganz ohne Konkurrenz durfte Riot Games mit League of Legends aber nicht starten. Im gleichen Jahr - de facto sogar einige Monate früher - veröffentlichte auch Gas Powered Games ein eigenes MOBA namens „Demigod". Das Genre war jung, der Release der beiden Spiele geschah gleichzeitig - League of Legends und Demigod traten in direkte Konkurrenz zueinander. Der Rest ist Geschichte: Demigod konnte nie mehr als 500.000 Spieler vereinen und fristet heute ein einsames Dasein. League of Legends hingegen wird von 27 Millionen Spielern pro Tag gespielt. Es schien, als hätte Riot Games das MOBA erobert.

„Normalerweise nennen wir [Dota 2] ein Action-RTS, weil das irgendwie am meisten Sinn für die Kunden macht. Bei dem Wort haben sie eine Vorstellung, wovon du redest. Ich weiß nicht mal, wofür 'MOBA' steht."

- Gabe Newell, Managing Director bei Valve Corp. -

Kurz nach dem Release von League of Legends deutete sich weitere Konkurrenz durch den amerikanischen Software-Riesen Valve an. Guinsoo und Pendragon, die beiden Dota-Entwickler, die von Riot Games angeworben wurden, hatten kurz vorher die Entwicklung von Dota an Abdul „IceFrog" Ismail abgegeben. Und Valve hatte von Riot Games gelernt: Kurzerhand wurde IceFrog als Lead Designer für Dota 2 angeheuert. Damit setzte Valve die Tradition der Warcraft 3-Mod fort und begann im Jahr 2011 einen öffentlichen Beta-Test. Das Interessante: Selbst zu diesem Zeitpunkt hatte Valve-Chef Gabe Newell keine Ahnung, wofür der Begriff MOBA eigentlich stehen sollte - lieber wollte er Dota 2 ein Action-RTS (ARTS) nennen.

Spätestens mit dem Release von Dota 2 im Jahr 2013 hatte Riot Games starke Konkurrenz in der Szene. Nach League of Legends erschienen auch andere MOBAs, die die Auswahl für den Spieler breit fächerten. Ein Jahr vor der Open Beta von Dota 2 erschien Heroes of Newerth, im vergangenen Jahr auch das Third Person-MOBA Smite. Das Genre hat seit der Jahrtausendwende viele Wege eingeschlagen. Eins aber ist klar: Die "Ursuppe" der MOBAs befand sich bereits in der Warcraft 3-Mod Defense of the Ancients.

Wann wird ein Spiel zu einem MOBA?

Man kann sich nicht so sicher sein, wie man das Genre nun nennen darf. Was hingegen sicher ist, sind die Mechaniken, die ein Spiel zu einem MOBA machen. Ob nun League of Legends, Smite oder Dota 2: Im Grunde sind alle MOBAs gleich aufgebaut. Im Mittelpunkt steht der Spieler, der sich am Anfang einer Partie für einen starken Helden entscheidet - das war schon der Grundgedanke der Starcraft-Map „Aeon of Strife". Damit tritt er einem Team von fünf Spielern bei, die um die Kontrolle der Karte kämpfen - der sogenannten Multiplayer Online Battle Arena (MOBA).

Und diese Karte sieht in den meisten MOBAs auch ziemlich ähnlich aus: In der Regel besteht die aus drei Spielbahnen (Lanes), auf denen sich die Spieler bewegen. Natürlich dürfen sich die Helden auch zwischen den Lanes bewegen. Auf sogenannte Jungler wartet dort im Dickicht der eine oder andere Gegner samt Erfahrungspunkten und etwas Gold. Am jeden Ende einer Lane steht die Basis eines Teams, die die Gegner unbedingt zerstören möchten. Um das zu erreichen, müssen auf dem Weg feindliche Geschütztürme, vom Computer gesteuerte Monster (Creeps) und natürlich das gegnerische Team aus dem Weg geräumt werden. Es gewinnt das Team, das die gegnerische Basis zerstört.

Der Zerstörung der feindlichen Basis gehen aber intensive Zweikämpfe zwischen Helden, Türmen und Monstern voraus. So werden Erfahrungspunkte gesammelt, neue Stufen erklommen, Items gekauft und Helden verbessert. Am Ende sind es viele kleine Faktoren, die den Ausschlag zum Sieg geben.

Ein Spiel ist dann ein MOBA, wenn es diese Kriterien erfüllt. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle MOBAs identisch sind. Es gibt Unterschiede: Jedes Studio trifft für sein MOBA ganz eigene Entscheidungen bezüglich des Designs, die das Spiel von der Konkurrenz abheben soll. Ein Beispiel: Während die meisten MOBAs die Kamera über dem Helden platzieren (Top-Down-Perspektive), hat das 2014 erschienene MOBA Smite eine Third-Person-Perspektive ins Spiel integriert - und sorgt so für ein actionreiches Gameplay.

Auch die Auswahl der Helden wird bei jedem MOBA anders geregelt. Die meisten MOBAs folgen dem Prinzip der Helden-Rotation - so auch League of Legends von Riot Games und Heroes of the Storm von Blizzard. Hier wechseln wöchentlich die Auswahl der Helden, weitere Helden müssen dazugekauft werden. Einzig bei Dota 2 darf jederzeit aus allen 110 Helden ausgewählt werden.

Natürlich wäre es der Todesstoß für jedes MOBA, einfach ein anderes, erfolgreiches Spiel zu kopieren. Aus diesem Grund versuchen die verschiedenen Studios das Genre mit spannenden Spielmodi, frischen Helden und neuen Taktiken für sich zu gewinnen. Jedes MOBA ähnelt sich - und versucht doch vieles anders zu machen.

Die Namensfrage bleibt ungeklärt

Nach wie vor gibt es keinen festen Namen für das Genre. Zu sehr waren die damals jungen Studios und kleinen Modder während der Entwicklung voneinander isoliert. Gerade diese Namenlosigkeit steht im krassen Kontrast zu den festen Mechaniken, die ein MOBA ausmachen - und auch zu dem unheimlichen Erfolg, den das Genre im eSport feiert. Der Begriff MOBA fällt schnell, wenn ein solches Spiel in ein Genre eingeordnet werden soll. Letztlich war diese Bezeichnung aber nur eine clevere Idee der PR-Abteilung bei Riot Games, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und die Bezeichnung "Dota-like" abzustreifen. Dabei ist der Begriff einer Multiplayer-Kampfarena (MOBA = Multiplayer Online Battle Arena) selbst reichlich unscharf - und wird dennoch für alle bekannten Spiele dieser Richtung verwendet. Die Chance, sich auf einen Namen zu einigen, wurde in der Frühphase vertan. Jetzt ist das Genre in der Hand milliardenschwerer Unternehmen wie Riot Games und Valve. Dass sich in naher Zukunft ein anderer Begriff etablieren wird, scheint da unwahrscheinlich.

Für ordentlich Spannung wird das Genre in nächster Zeit aber ohne Frage sorgen. Vergangene Woche startete die ESL One als erstes großes Dota 2-Turnier der Saison. Die ESL One fand in der Commerzbank Arena in Frankfurt statt - der Hauptpreis von über 300.000 Dollar ging größtenteils an Team Secret. Im August vergibt Valve anschließend beim International 2015-Turnier das höchste eSport-Preisgeld aller Zeiten: Das erstplatzierte Team darf sich auf mehrere Millionen Dollar Preisgeld freuen. Ende Oktober veranstaltet Riot Games dann das Finale der World Championships von League of Legends in Berlin. Der Austragungsort ist die Mercedes-Benz-Arena in Berlin - letztes Jahr schauten insgesamt 27 Millionen Zuschauer zu.

Ob mit Namen oder ohne: MOBAs sind mit einem Kopfsprung im eSport gelandet und brechen auch dieses Jahr wieder alle Rekorde. Sie sind untrennbar mit der internationalen Szene verbunden und vergeben jährlich Millionen von Dollar Preisgeld an ihre Profis. Am Ende hatte Tom Caldwell von Riot Games recht: Die Ursuppe war vorhanden - und damit die Chance für wirklich Großes.

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Autor: Niko | Flakes

Niko ist der Chefredakteur der Bonjwa-Redaktion und für die Publikationen auf Bonjwa.de verantwortlich. Während seines Studiums der Politikwissenschaft trat er im Sommer 2015 dem Team um Niklas Behrens als Autor bei und leitet inzwischen die Redaktion von Bonjwa. Niko spielt hauptsächlich Counter-Strike: Global Offensive und Overwatch.

27. Juni 2015 - 22:27
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Padierfind
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10.08.2018 - 15:34
15.11.13
222

Sehr schöner Artikel :)

28. Juni 2015 - 1:33
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Tigerfish
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06.11.2016 - 20:01
26.02.15
28

Guter Artikel. Ich kann den Namen Moba auch auf den Tod nicht ab, da er in keinster Art und Weise das Genre beschreibt. Multiplayer Online Battle Arena kann eigentlich auf jedes Online Versus Spiel angewandt werden. Wenn man rein nach der beudeutung von Moba geht, könnte es genauso gut alles von Starcraft bis hin zu Call of Duty beschreiben, sehr schwach muss ich sagen. Das einzige was das ganze wirklich passend beschreibt, ist der Name Dota selber, aber es klingt halt nicht gut zu sagen "Ich spiele ein Dota". Das würde auch nur für verwirrung sorgen aber alles wäre besser als Moba

28. Juni 2015 - 2:45
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Zerus
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30.04.2016 - 20:39
01.03.15
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Also in vielen Bereichen(Teamliquid z.B.) hat sich der Begriff "ARTS" durchgesetzt. Klassische RTS wie Starcraft fallen dann unter die Kategorie "CRTS" - classic RTS.

Das Problem am Begriff MOBA ist halt, dass er auf soziemliches jedes online Spieler vs Spieler orientierte Spiel angewendet werden kann. Shooter wie CS:GO sind ja auch multiplayer, online und in einer Kampfarena. MOBA beschreibt also quasi keinerlei Spielmechaniken. Action RTS bringt es eigentlich auf den Punkt: Es ist ein RTS mit dem Fokus auf Action.

28. Juni 2015 - 3:38
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DKUmaro
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27.08.2015 - 08:52
08.03.15
37

Fand es schon immer komisch wieso Company of Heroes und Dawn of War 2, RTS genannt werden, aber DotA und LoL nicht.

Auf der anderen Seite, welches Spiel hat keine allgemeine, drüberliegende Strategie? Also selbst in CS hat man eine Strategie mit der man spielt, aber dann je nach Map ja eine bestimmte Taktik. Insofern ist jetzt Real-Time-Strategy jetzt auch nicht gerade ein Begriff, der nur auf Starcraft passt. Es wird durch RTS ja auch nicht wirklich definiert, dass man Aufbauen muss. Zumindest gibt es keinen mit einem Zusatztitel, wie man es im deutschen kennt wie Aufbau-Strategie.

Es gilt aber, wo der Begriff einfach besser oder genauer passt, sonst kann man sich Genres gleich sparen, weil dann kann sich jeder seine Genres selbst definieren, je nach dem wie genau man die nimmt.

Welches Spiel ist mittlerweile kein Open-World-Action-Adventure-RPG?

CS ist halt kein MOBA, weil der Hauptpunkt, von dem sich das Spiel von anderen unterscheidet, der ist, dass man in der ersten Person schießt.

DotA und LoL, wären eher Third-Person(oder Top-Down)-Something-Something, Single-Unit-RTS, RTT(eam)S usw. Finde also auch, dass es bessere Namen gibt, die DotA und Co. beschreiben.

28. Juni 2015 - 10:55
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hamu
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11.12.2018 - 16:01
15.11.13
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Schöner Artikel. :) Grüße hamu
29. Juni 2015 - 7:06
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Nrgy
Core
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16.03.2017 - 13:35
15.11.13
818

Richtig interessant und auch sehr cool zu lesen. Gefällt mir gut!

Gerade als Dota-Anfänger ein Artikel der mich abholt! :) weiter so!