Game of Streams - Kann YouTube Gaming den Thron erobern?

Pünktlich zur gamescom ging YouTube Gaming endlich auch in Deutschland an den Start. Der neue YouTube Ableger ist nicht der erste Versuch, Twitch die Spitzenposition im Streaming-Geschäft streitig zu machen. Aber kann Google das erreichen, was Plattformen wie Dingit, Hitbox oder Azubu bisher verwehrt blieb?

Felix | Hagbard 06.09.16

Den ersten großen Coup hierzulande konnte YouTube Gaming bereits kurz nach dem Deutschlandstart bekannt geben: Rocket Beans TV wechselt (link is external) mit seinen Live-Übertragungen zum ersten September von Twitch zu YouTube. Der Hamburger Indie-Sender gehört seit seiner Gründung zu den größten deutschen Gaming-Kanälen. Das Angebot, mit dem es YouTube offensichtlich gelungen ist, diesen großen Fisch an Land zu ziehen, lässt sich als direkte Kampfansage auf dem deutschen Markt an Twitch verstehen. Dennoch wird die Ankündigung im Twitch Hauptquartier keine zu große Panik ausgelöst haben, entspricht sie doch dem schon lange bestehenden Trend. Denn, auch wenn die Rocket Beans in ihrem Programm breit aufgestellt sind, gibt es ein Wort aus der Spielewelt, das wohl nur die wenigsten mit den Hamburgern in Verbindung bringen werden: eSport.

King Of The Hill

Twitch hat über die letzten Jahre mit seinem Fokus auf eSport eine beachtliche Community hinter sich versammeln können. Durchschnittlich besuchen täglich über 8,5 Millionen Spielefans den Streaming-Anbieter, den Amazon 2014, nach einem wochenlangen Wettbieten mit Google, für 970 Millionen USD übernommen hat. In Anbetracht dieser Zahlen kann es nicht verwundern, dass immer wieder auch andere Unternehmen versuchen, in diesen Markt vorzudringen. Obwohl diese teilweise ebenfalls viel Geld investieren und durchaus auch am Wachsen sind, erreicht beispielsweise der noch relativ populäre Dienst Dingit in einem ganzen Jahr nicht die Zuschauerzahlen (link is external), die Twitch jeden Monat verzeichnen (link is external) kann. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit könnte Twitch aber demnächst einbüßen. Im Gegensatz zu anderen Konkurrenten ist YouTube nämlich bereits eine etablierte Größe in der Welt der Videospiele und mit dem hinter YouTube stehenden Google tritt erstmals eine andere echte digitale Supermacht gegen Amazons Streaming-Imperium an.

Kampf der Giganten

Bereits vor dem Start von YouTube Gaming machten auf Spiele bezogene Videos einen Anteil von ca. 15 Prozent aller Inhalte auf YouTube aus. Traditionell dominieren Twitch und YouTube ihre jeweiligen Bereiche: Live beziehungsweise On-Demand. Im direkten Vergleich der beiden Kategorien hat YouTube sogar die Nase vorn. Nach einer Studie (link is external) von Newzoo.com sehen sich die Hälfte aller Gamer in den USA regelmäßig Spielevideos auf YouTube an, während nur 21Prozent öfters Twitch besuchen. Diese Zahlen ergeben sich aber vor allem aus der Dominanz YouTubes im Casual-Bereich. Die On-Demand-Angebote betreffen unzählige Let's Plays, Tests, Videoguides und ähnliches. Content aus dem Bereich des eSports ist dagegen deutlich seltener auf YouTube anzutreffen.

YouTube Gaming's Symbol (link is external) von DaGoldenEdits, Lizenz: CC BY-SA 4.0

One Size Fits All?

Zwar finden sich für zahlreiche eSport-Veranstaltungen Aufzeichnungen, aber deren Zugriffszahlen können sich meist nicht ansatzweise mit den Zuschauerzahlen der entsprechenden Live-Übertragungen auf Twitch messen. Da eSport-Übertragungen ihren größten Wert als Live-Erlebnis besitzen, hat Google kräftig in die Weiterentwicklung seiner Livestreaming-Funktionen investiert. Zukünftig wird YouTube einen digitalen DVR mit einer Rückspulfunktion, mehr Möglichkeiten zur Moderation von Chats und der Community und Gimmicks wie 360°-Videos bieten.
Durch diese Innovationen erhofft sich Google im Live-Bereich zum Marktführer Twitch aufschließen zu können. Auf der anderen Seite versucht aber auch Twitch sich stärker im On-Demand-Segment zu platzieren. Mittlerweile ist die Chat Replay-Funktion online (link is external), durch die der Zuschauer auch bei aufgezeichneten Livestreams den Chatverlauf in Echtzeit nacherlebt. In Zukunft soll es zudem möglich werden, Videos direkt in die Twitch-Bibliothek hochzuladen, ohne den "Umweg" über den Livestream gehen zu müssen. Beide Anbieter machen also dasselbe Angebot an Videoproduzenten: Eine Plattform für alles zu nutzen, anstatt ihre Energie auf zwei aufzuteilen. Bisher haben viele Content-Produzenten dagegen beide Anbieter genutzt, YouTube um Videos hochzuladen und Twitch um live zu streamen. In dem Maße, in dem sich Twitch und YouTube einander angleichen, wird auf Streamer mehr und mehr die Frage zukommen, ob sie sich auf einen Dienst festlegen, oder ob sie ihre Aufmerksamkeit und ihr Publikum weiter zwischen den beiden Plattformen aufteilen.
Die Antwort auf die Frage, welchem der beiden Kontrahenten sich die Massen langfristig zuwenden, wird entscheidend mit dem Nutzungskomfort und der technischen Leistungsfähigkeit der Dienste zusammenhängen. Wo liegen also die Vor- und Nachteile der beiden Anbieter?

Auswahl vs. Übersicht

Quelle: YouTube Gaming (link is external)

In Bezug auf das Interface scheint das Konzept von Twitch altbewährt zu sein. Es ist auf der Seite relativ einfach, neue und weniger bekannte Inhalte zu finden. Die Startseite spielt automatisiert ausgewählte Kanäle ab, zwischen denen der Zuschauer mit einem Klick wechseln kann. Hierbei gelingt Twitch meist ein guter Mix aus etablierten und innovativen Spielen und Streamern. Direkt darunter findet sich eine Liste mit beliebten Kanälen und Spielen, lediglich eine Übersicht über die neuen Aktivitäten der Kanäle, denen der Nutzer folgt, fehlt auf der Startseite.

YouTube Gaming hat sich bei seinem Design offensichtlich an Twitch orientiert. Auch hier werden automatisch ausgewählte Videos abgespielt und dem Besucher Listen mit empfohlenen und beliebten Videos präsentiert. Diese beinhalten aber im Gegensatz zu Twitch Live- und On-Demand-Videos und sind an die Interessen und Vorlieben der Nutzer angepasst. Auch der Zugriff auf Kanäle und Spiele, denen man folgt, gestaltet sich auf YouTube komfortabel und direkt.

Streamers Choice

Für Content-Produzenten dürfte Twitch zumindest mittelfristig weiterhin die bessere Alternative zur Monetarisierung der eigenen Videos darstellen. Beide Seiten bieten ein Partnerprogramm an, mit denen die Kreativen an den Werbeeinnahmen, die durch ihre Videos generiert werden, beteiligt werden. Auf Twitch können Kanalbetreiber aber auch direkt monatliche Abonnements anbieten, durch die die Zuschauer Zugriff auf exklusive Chat-Icons oder frühere Übertragungen erhalten. Eine entsprechende Abo-Funktion fehlt auf YouTube völlig.
Insgesamt scheint Twitch etwas produzentenfreundlicher zu sein. Die Möglichkeit Chatmoderatoren einzusetzen erleichtert das Leben des Streamers ungemein. Dasselbe gilt für den Host-Modus, der es ermöglicht, befreundete Streams auf dem eigenen Kanal zu senden und diesen so zu mehr Zuschauern zu verhelfen. Für Xbox One-Streamer wird sich die Frage wohl kaum stellen, bietet YouTube im Gegensatz zu Twitch doch nicht die Möglichkeit, direkt von der Konsole zu streamen. Dass auf YouTube von jedem Android-Gerät gestreamt werden kann, wird diesen Nachteil wohl kaum wieder wettmachen können.

Technisches Wettrüsten

Auf der technischen Ebene schenken sich die beiden Konkurrenten nicht viel. Beide Plattformen erlauben 1080p Übertragungen mit 60 Bildern pro Sekunde, lediglich die Auswahl der Qualitätsstufen gestaltet sich auf YouTube etwas feiner. Während Twitch dem Nutzer die Wahl zwischen den Stufen Mobile, Low, Medium, High und Source lässt, erlaubt YouTube direkt zwischen den verfügbaren Auflösungen von 144p bis 1080p zu entscheiden. Auf beiden Plattformen laufen Videos auch in höchster Qualität – die entsprechende Internetverbindung vorausgesetzt – meist problemlos und flüssig. Den größten Unterschied bildet das schon erwähnte Konzept des digitalen DVRs. Dieser macht es möglich, während eines laufenden Livestreams bis zu drei Stunden zurückzuspringen, anstatt auf das Ende des Streams warten zu müssen, um auf die Aufzeichnung zugreifen zu können.

Einen Stolperstein für den ungetrübten Videogenuss auf YouTube könnte in Deutschland allerdings die GEMA darstellen. Gerade Trainings-Streams von Progamern, die oft mit GEMA-geschützter Musik unterlegt sind, könnten zukünftig häufiger den "Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar"-Bildschirm hervorrufen. Ein Problem, das sich - zumindest aktuell - auf Twitch so nicht stellt.

And The Winner Is...

...in diesem Fall wohl eindeutig der Spielefan. YouTube Gaming wird sich kaum als der Twitch-Killer herausstellen, als der es so gern angepriesen wird. Dafür bietet Twitch weiterhin zu gute Bedingungen für Streamer und behält den Vorteil seiner gigantischen Community und der vielen populären Kanäle. Auf der anderen Seite bietet YouTube aber genug, dass es sich, gerade mit der Unterstützung des Riesen Google im Rücken, langfristig als echte Alternative etablieren wird. Die beiden Giganten Amazon und Google werden sich nun einen Konkurrenzkampf um die Zuschauer liefern müssen. Dieser könnte zu ähnlichen Entwicklungen führen, denen der Zuschauer auch das "Golden Age of Television" zu verdanken hat.

YouTube Gaming oder Twitch? Wo werdet Ihr in Zukunft einschalten?

Korrektur: Inzwischen hat YouTube nachgezogen und ein VIP-Programm online gestellt, das es ebenfalls erlaubt, bezahlte Abos für einzelne Kanäle abzuschließen.

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Autor: Felix | Hagbard

Teilzeit-Nerd, der stets versucht, den Schmerz über die letzte Niederlage des LFC in einer ausgeprägten Sucht nach StarCraft und Serien zu ertränken. PS: <3 Zerg

6. September 2016 - 21:05
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Muffinman
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25.04.2018 - 22:07
15.11.13
370

Es gibt sehr wohl ein Abomodell bei Youtube, nennt sich VIP-Status.

Ich denke auch, das ein viel gesehener Videoersteller ganz gut von Youtube leben kann, mit Pewdiepie an der spitze. Dieser hat wohl schon 2016 mehrere Millionen durch Youtube verdient.

7. September 2016 - 0:12
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Phenexx
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13.12.2018 - 21:38
19.12.13
334

Ich mag Youtube gaming nicht.

es ist mir viel zu unübersichtlich, da Liveübertragungen und Videos wild durcheinandergewürfelt wirken

zudem glaube ich ist es auch nur eine gute Plattform für leute die auch schon viewer über youtube haben, da diese mehr menschen erreichen,

viele denken immer noch youtube gaming würde in Deutschland nicht funktionieren so wie es vor ein paar monaten noch der fall war, weil meiner meinung nach das marketing jetzt nicht so berauschend ist.

Ich habe auf Youtube zumindest noch nie Werbung für Youtube gaming gesehen.

Zudem werden denke ich viele die eine große Zuschauerschaft bei Twitch haben nicht wechseln sofern sie, wie angesprochen, selbst keine youtuber sind.

ich glaube eher es wird sich auf kurz oder lang mit Hitbox in den Windschatten von Twitch stellen und so vor sich hin existieren.

7. September 2016 - 11:02
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Hagbard
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12.01.2017 - 20:04
01.09.15
8

@Muffinman: Danke für den Hinweis auf das neue VIP-Programm! Wurde im Artikel entsprechend korrigiert.

7. September 2016 - 11:42
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Lorgi
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05.09.2018 - 18:51
26.04.16
172

Ich muss zugeben, ich kannte Youtube Gaming bisher noch gar nicht :O Ich hatte bisher den Eindruck Twitch wäre der einzige echte Platzhirsch auf der Lichtung. Die scheinen aber auch echt nicht viel Werbung zu betreiben :/ Alle Stream-Links, die ich bisher gesehen habe gingen zu Twitch.