Im Profil: Danil "Dendi" Ishutin - Team Na`Vi

Heute machen wir Starcraft 2 aber mal richtig Konkurrenz und berichten erstmalig über einen DOTA 2-Profi. Es geht nämlich um den Pudge-Master, um den Solo-Mid-Champion aus der Ukraine – es geht um Dendi von Team Na`Vi.

Niko | Flakes 18.07.15

Als Ukrainer stammt Danil "Dendi" Ishutin aus einem Land, das sich nicht als alleiniger Herrscher über Valves MOBA bezeichnen kann. In Starcraft 2 hat sich Südkorea schon früh als Sinnbild für den professionellen eSport etabliert und schickt regelmäßig seine Profis auf die Siegertreppchen internationaler Turniere. In Dota 2 herrscht nach wie vor ein ziemliches Gerangel: Unter den zehn besten Teams des vergangenen Jahres befinden sich verschiedenste Nationalitäten wie die USA, Russland oder eben die Ukraine. Große Konkurrenz kommt auch aus dem Reich der Mitte: China stellte vier Teams der letztjährigen Top Ten. Diese bunte Verteilung bedeutet nicht nur harten Konkurrenzkampf, sie bietet auch Chancen. Und Dendi hat diese Chance früh genutzt, um einer der erfolgreichsten eSport-Profis überhaupt zu werden.

Die Anfänge - Internetcafés an der Poltwa

Seine Leidenschaft für Dota entdeckte Dendi in seiner Geburtsstadt Lwiw in der Ukraine. Anstatt sich zuhause seinen Schreibtisch im Bauch zu vergraben, spielte Dendi anfangs leidenschaftlich gern Warcraft 3 - und das in Internetcafés. Kurz vorher hatte sein Bruder geheiratet und war aus dem gemeinsamen Zuhause ausgezogen. Das Glück des Bruders sollte schnell zu Dendis Verhängnis werden: Der nahm nämlich kurzerhand den Computer mit. Davon ließ sich Dendi seinen Spaß an Warcraft 3 nicht verderben und spielte fleißig in den ukrainischen Internetcafés weiter - samt einer schnarchend langsamen Verbindung von 32 Kilobyte pro Sekunde. Man kann nur schätzen, wieviel mehr Geld Dendi so in seine frühe Karriere investieren musste. Es hat sich aber gelohnt: Früh zeichnete sich ab, welcher Erfolg Dendi bevorstehen könnte. Er gewann sogar einige lokale Warcraft 3-Turniere in Lwiw.

Wirklich spannend wurde es für Dendi aber erst, nachdem er Dota für sich entdeckte. Kurzerhand vereinnahmte die Warcraft 3-Mod den ambitionierten Spieler komplett. Unter den 700.000 Einwohnern seiner Geburtsstadt fand Dendi sogar einige Spieler, die er für ein eigenes Team in lokalen Turnieren aufstellen konnte. Als er sein Team zu einem Turnier in die Hauptstadt Kiew brachte, sollte seine professionelle Karriere ihren Anfang finden. Dendi wurde 2006 vom Team Wolker.Gaming (WG) rekrutiert und machte so erste Schritte in die junge Welt des bezahlten Gamings. Zu diesem Zeitpunkt war Dendi gerade einmal 17 Jahre alt.

Als Dendi zu Dota kam, war das von Modder Eul entwickelte Konzept auf einem Höhepunkt. Im Jahr 2006 war jede Konkurrenz für Dota im MOBA-Genre noch Jahre entfernt - erst 2009 sollte beispielsweise League of Legends erscheinen und Konkurrent Demigod eiskalt ausstechen. Auch war es nicht mehr lange hin, bis 2011 die Open Beta von Dota 2 startete. Und mit Dota 2 fing der Erfolg von Dendi erst so richtig an.

DOTA 2 - von Lwiw nach Köln

Kurz bevor Valve im Laufe des Jahres 2011 die ersten Beta-Einladungen zu Dota 2 verschickte, spielte Dendi beim ukrainischen Team DTS. Hier belegte er beim ESWC 2010 den zweiten Platz. Der Dendi, der anschließend auf einem windigen Parkplatz interviewt wurde, wirkte noch nicht wie der gutbezahlte eSport-Profi, der er werden sollte - keine wilden Gesten, kein freches Lachen. Stattdessen stand Dendi vor fünf Jahren vor dem Maschendrahtzaun, mied wild mit den Augen blinzelnd die Kameralinse und schob einige Worte zum Erfolg bei der ESWC durch die zusammengepressten Lippen. Die Erfolgsgeschichte von Dendi ist nicht nur von Preisgeldern und Pokalen gepflastert, es ist auch die Geschichte eines aufblühenden Jungen aus Lwiw.

Ende 2010 wechselte Dendi zum Team Natus Vincere (Na`Vi), in dem er bis heute spielt. Obwohl sich Dota 2 noch in der Beta-Phase befand, veranstaltete Valve kurzerhand ein groß aufzogenes Turnier auf der GamesCom in Köln - das International Turnier 2011. Hier konnte sich Natus Vincere direkt als eines der weltweit besten Dota 2-Teams beweisen, indem es das Finale gegen das chinesische Team EHOME gewann. Der unheimlich spannende Schlagabtausch der beiden Teams wurde im vergangenen Jahr als Höhepunkt der eSport-Dokumentation "Free to Play" inszeniert. Er führte auch dazu, dass Natus Vincere ein Preisgeld von einer Million Dollar mit nach Hause nahm. Dendi war mit dabei und einer der Gründe, warum Na`Vi das Finale gewinnen konnte - mit einem Alter von 22 Jahren.

In den kommenden Jahren zementierte Natus Vincere ihren Status als erfolgreiches Team. Sowohl bei den ESWC 2012, als auch bei der vierten und fünften Season der GosuLeague und vielen anderen Turnieren belegten sie den ersten Platz. Weitere Siege bei den International-Turnieren blieben den Ukrainiern von Na`Vi leider verwehrt: In den Jahren 2012 und 2013 belegten sie den zweiten, 2014 sogar nur den siebten Platz. Dendi gehört aber weiterhin zum aktiven Kader von Natus Vincere.

Playstyle - Viel Kreativität, viel Freiraum

Überall in der Szene kennt man Dendi als einen unheimlich kreativen Spieler. Sein Markenzeichen ist es, die üblichen Spielweisen beliebter Helden zu nehmen - und sie komplett umzudrehen. Für seine originellen Spielweisen wird Dendi eine Menge Freiraum gegeben. Sein Team ist nicht dafür bekannt, strikte Trainingspläne aufzustellen. Eigentlich ist es auch nicht dafür bekannt, wirklich oft zusammen zu trainieren. Dendi bestätigt das in Interviews vorsichtig mit einem „Das könnte wahr sein" - und es „könnte Glück sein", dass Team Na`Vi trotzdem ein Turnier nach dem Anderen gewinnt.

Die meiste Zeit verbringt Dendi alleine in der Mid-Lane von Dota 2. Die mittlere Spielbahn ist besonders gut dafür geeignet, einen Helden möglichst schnell auf ein hohes Level zu bringen. Allem Vorteil zum trotz befindet sich ein Spieler besonders in der Anfangsphase alleine in der Mid-Lane und verzichtet so auf unterstützende Mitspieler. Dennoch hat sich Dendi aber als exzellenter Solo-Mid-Spieler herausgestellt. Und obwohl er sich mit vielen Helden vorzüglich auskennt, ist der massige Fleischer "Pudge" zu Dendis Markenzeichen geworden. In jedem Video, das Highlights von Team Na`Vi zeigt, zieht Dendi die Gegner mit präzise geworfenen Haken an sich heran, staubt einen Kill ab und verschwindet unbeschadet vom Tatort.

„Ich kann es einfach spüren, was ein Gegner tun wird. Und dann hilft es sehr, Helden wie Pudge oder den Invoker zu spielen"

Danil "Dendi" Ishutin über seine Präzision mit Pudge

Eine der großen Stärken, die Dendi letztlich mit zu Natus Vincere bringt, ist seine Anpassungsfähigkeit. Schnell erkennt er die Stärken und Schwächen eines jeden Helden in Dota 2 und probiert so lange verschiedene Item-Kombinationen aus, bis er die Spielweise gemeistert hat. Nicht ohne Grund stellen Kommentatoren eine scheinbar einfache, aber unheimliche bezeichnende Frage: „Gibt es etwas, das Dendi nicht kann?" Und obwohl selbst sein eigenes Team Dendi als den "Pudge Master" bezeichnet, bleibt er nicht dabei. Fließend leichtfüßig wechselt Dendi durch die dreistellige Auswahl an Helden - und bleibt erfolgreich.

Ausblicke - Bewährungsprobe für Na`Vi

Das Jahr 2015 wird unwahrscheinlich wichtig für Dendi und sein Team Natus Vincere. Im August steht das International 2015 an und auch Dendi ist für Na`Vi wieder dabei. Schon bei der Qualifikation für das International 2015 hat sich gezeigt, dass es eine Bewährungsprobe werden wird. Erstmalig wurden nicht alle Gewinner des Vorjahres zum Turnier eingeladen. Team Na`Vi wurde stattdessen in die Qualifiers gesteckt und musste sich bis zum Turnier durchkämpfen - inzwischen haben sie sich qualifiziert und dabei Alliance, die Gewinner vom International 2013, aus dem Turnier eliminiert. Eine erste Hürde ist genommen.

Inzwischen hat das International die Form eines riesigen Leviathans im eSport angenommen und lockt dieses Jahr mit einem Prizepool von über 15 Millionen Dollar. Damit übersteigt das Preisgeld für den Erstplatzierten jetzt schon die siebenstellige Summe von 2011. Alleine das ist für Natus Vincere Grund genug, den ersten Platz anzupeilen. Aber auch die vernichtende Niederlage im letzten Jahr kann in diesem Jahr wiedergutgemacht werden.

Dem sympathischen Jungen aus Lwiw ging es nie nur um das Geld. "Es geht darum, der Beste in etwas zu sein" - so erklärt er in Interviews den Gesprächspartnern seine Motivation. In einigen Wochen wird sich Dendi seinen elfstündigen Flug nach Seattle antreten, sich mit seinem Team an die Bildschirme setzen und einfach versuchen, alles zu geben. Vielleicht wird er auch daran denken, wie es ihn aus einem ukrainischen Internetcafé zum größten eSport-Turnier aller Zeiten verschlagen hat.

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Autor: Niko | Flakes

Niko ist der Chefredakteur der Bonjwa-Redaktion und für die Publikationen auf Bonjwa.de verantwortlich. Während seines Studiums der Politikwissenschaft trat er im Sommer 2015 dem Team um Niklas Behrens als Autor bei und leitet inzwischen die Redaktion von Bonjwa. Niko spielt hauptsächlich Counter-Strike: Global Offensive und Overwatch.

21. Juli 2015 - 6:49
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Nrgy
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Sehr cool geschrieben. Freu mich auf weitere Dota News! :)