Interview mit Thomas "Khaldor" Kilian

Auf der Assembly LAN in Helsinki stand uns das deutsche RTS Caster-Urgestein Thomas "Khaldor" Kilian zu einem Interview über sein Leben in Korea und die Entwicklung der Szene zur Verfügung.

Niklas | Honor 05.02.14

Auf der Assembly LAN in Helsinki stand uns das deutsche RTS Caster-Urgestein Thomas "Khaldor" Kilian zu einem Interview über sein Leben in Korea und die Entwicklung der eSport-Szene zur Verfügung. Auf der Assembly LAN 2014 stand die nächste Ausgabe des ASUS ROG Starcraft 2 Turniers an. Khaldor kommentierte die Spiele dabei zusammen mit Grubby live auf der Bühne. Hauptsächlich kennt man Khaldor in SC2 als Caster der Global Stacraft 2 League (GSL) in Korea, in der er nun seit ca. zwei Jahren auf Englisch mitcastet. Vor der GSL kommentierte Khaldor für MyStarcraft.de, alte Hasen der Szene kennen Khaldor auch schon aus Warcraft 3.

Hallo Khaldor, schön dass du hier bist, wie geht es dir?

Mir geht es ganz gut, es ist zwar ein bisschen kalt aber sonst alles im Lot.

Du kommst gerade aus Korea und lebst mittlerweile auch dort, deine Casts sind überwiegend auf Englisch, vermisst du es auch manchmal auf Deutsch zu casten?

Auf jeden Fall, mittlerweile geht es auf Englisch ganz gut, am Anfang war es noch relativ schwierig, vor allem was die Sprichwörter angeht. Auf Deutsch geht das viel einfacher und vor allem eloquenter. Das Problem ist zu Beispiel bei den großen Turnieren, wenn du mit deinem Co-Kommentator da sitzt und vor dir passiert etwas Großes. Du hast das perfekte Sprichwort auf Deutsch, was der absolute Brüller wäre und versuchst fieberhaft die Übersetzung zu finden. Es fehlt auf Deutsch zu casten, jedoch bekomme ich ein viel größeres Publikum mit den englischen Casts. Selbst die deutschen eSport Fans schauen lieber englische Streams, nicht so zum Beispiel die Franzosen, die sehr sprachloyal sind.

Du bist ja ziemlich gut in Englisch und warst auch mal eine Zeit lang in Australien, den Akzent hört man fast gar nicht mehr während den Casts. Du lebst jetzt in Korea, wie ist es denn dort? Verrückt? Abgedreht? Hast du viele Freunde gefunden?

Grundsätzlich ist die Sprache ein Problem, ich musste das Alphabet komplett neu lernen sowie Lesen und Schreiben. Die Sprache an sich ist nicht vergleichbar mit Englisch oder Deutsch. Deshalb habe ich auch immer eine Sprachbarriere, da die meisten Koreaner nicht des Englischen mächtig sind. Mittlerweile habe ich Freunde in einem Fußballclub gefunden, wo fast alle deutsche Wurzeln haben oder mal eine Zeit lang in Deutschland studiert haben. Ich habe mich ganz gut in Korea eingelebt. Allgemein ist das Land ganz easy, die Verkehrsmittel sind super billig und man kommt überall gut hin. Das einzige Manko sind die hohen Mietpreise. Außerdem haben die Läden immer offen, egal ob es Montag oder Sonntag ist.

Bist du oft in Deutschland?

Ein- bis zweimal im Jahr, demletzt (zuletzt, Anm. der Redaktion) war ich an Weihnachten in Deutschland um ein bisschen Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Du bist bei den nicht deutschsprachigen Zuschauern vor allem als Caster bei GOMTV bekannt. Hast du noch andere Aufgaben dort und bist du festangestellt?

Ich bin hauptsächlich Caster bei GOM, letztes Jahr war ich festangestellt. Dieses Jahr aber bin ich freiberuflich für die GOM tätig, da sich in der koreanischen Szene so viel verändert durch das Wegfallen mancher Teams und der Wiederauferstehung der GSL. Mit GOM haben wir ein Arbeitsverhältnis, wobei wir uns auch nebenbei um unsere eigenen Projekte kümmern können. Sollte die GOM uns jedoch an bestimmten Wocheneden für Events brauchen so geht dies immer vor. Wir sprechen uns immer mit der GOM ab.

Bist du glücklich mit dem Leben in Korea? Was sind deine Pläne für 2014?

Grundsätzlich bin ich relativ glücklich in Korea, aber ich habe schon zu Anfang gesagt dass das nichts Festes ist. Deshalb will ich Ende dieses oder nächsten Jahres aus Korea ziehen. Vielleicht in die USA oder womöglich auch zurück nach Deutschland. So genau weiß Ich das noch nicht. Alt werden möchte ich in Korea nicht.

Aber du bleibst dem eSport erhalten?

Natürlich, das habe ich schon entschieden als ich nach dem Studium versucht habe im eSport Fuß zu fassen und habe es nie bereut, obwohl mir klar war, dass ich in anderen Berufen weit mehr verdienen könnte. So lange wie möglich möchte ich deshalb dem eSport treu bleiben. Ob es bei Starcraft bleibt, wird sich zeigen. Dafür sind die MOBA’s zu sehr im kommen. Der Fokus kann sich auch auf das neue Heros of the Storm legen. Das RTS Genre wird langsam aber sicher abnehmen, es sei denn Blizzard veröffentlicht bald Warcraft 4.

Interessant, meine nächste Frage geht genau auf dieses Thema ein. Wie schätzt du die Entwicklung von eSport und SC2 insgesamt 2013 ein?

Es hast sich extrem entwickelt, ich bin schon seit fast 14 Jahren dabei und in den letzten Jahren war es ein rasanter Anstieg an Zuschauerzahlen. eSport wird Mainstream. SC2 hat sich relativ gut entwickelt. Affig finde ich jedoch die Leute, die meinen Starcraft sei „tot“ obwohl die Zahlen [Zuschauerzahlen, Anm. der Redaktion] immer noch da sind. Es gab 2013 so viele Events, sodass sich die Zuschauer aussuchen konnten welches der Turniere sie interessiert. Zwar sind die Zuschauerzahlen zurückgegangen, jedoch sind sie immer noch da! Es ist falsch zu denken, dass SC2 eines der Spiele ist mit den meisten Einschaltquoten, dafür haben die MOBA’s zu sehr aufgeholt. Vergleichsweise im echten Leben, ist Starcraft wie Fußball und Tennis: Obwohl Fußball groß ist, muss das noch lange nicht heißen, dass Tennis „tot“ ist. Beide haben zu Recht ihre Daseinsberechtigung. Aber wenn man sich die Industrie anschaut, muss sich der RTS Sektor verändern oder er wird hinter den MOBA’s zurückfallen. Mit Veränderung meine ich die Einführung von Heros wie in Warcraft, dass so der Zuschauer einen leichten Zugang hat und so weiß dass bestimmte Einheiten wichtiger sind als die anderen. Auch der Caster kann sich so auf bestimmte Spielsituationen einstellen und so komplett anders casten. Starcraft hingegen setzt Grundwissen voraus und ist sehr strategisch aufgebaut. Einem Laien kann dieses Grundwissen in einem Kampf kaum klargemacht werden. Während in MOBA’s dies leichter zu erklären ist da es nur 5 Helden pro Tema gibt.

Dieses Interview ist für meine neu eröffnete eSport Schule Bonjwa und genau das versuchen wir - Laien näher an das Spiel zu bringen. Was ist für dich wichtig bei einer eSport Schule?

Persönlich sind mir Erklärungen wichtig die eigentlich für die Pros logisch sind. So zum Beispiel die Möglichkeit den Kartenpool zu downvoten. So kann ein Laie sich am Anfang auf Karten beschränken und so langsam aber sicher diese kennenlernen. Besser als wenn er die Karte nur alle 5 Spiele spielt. Als versierter eSport Fan mag es schwer sein sich in die Lage eines Laien zu versetzen, der vielleicht jeden 2 Tag ein oder zwei Spiele spielt. Außerdem sollten Hotkeys und all die anderen elementaren Dinge behandelt werden. ach den Sternen greifen und Jaedong’s Zerg Taktiken auszuprobieren ist der falsche Weg. Lieber eine Build-Order die in allen Match Ups funktioniert. Dies gibt dem Spieler eine Basis auf die er aufbauen kann. Wenn Laien fragen was sie verbessern können, heißt es immer gleich: „Guck dir mal den Pro an, mach das nach!“ Ein Laie wird das nie hinbekommen.

Find ich super die Meinung. Wie schätzt du die Situation mit den Koreanern ein, die so langsam die Szene übernehmen? Rechnest du den Foreignern jetzt noch langfristig Chancen an?

Langfristig ja, über dieses Thema könnte ich jetzt eine Stunde mit dir reden. Ich fasse es kurz: Allgemein, Ausnahmen bestätigen die Regel, haben Foreigner noch nicht kapiert, dass das ein Beruf ist. Die spielen ein bisschen vor sich hin und wenn ein großes Turnier vor der Türe steht, dann trainieren sie ein bisschen mehr als sonst. Ein eSportler muss verstehen das es sich um einen Beruf handelt. Er kann sich zwar seine „Arbeitszeit“ selber einteilen, aber nicht hergehen und ein paar Tage oder gar Wochen gar nichts machen kann. Oder sich auch zurücklehnen weil kein Turnier vor der Türe steht. Dagegen machen es die Koreaner ganz richtig mit ihren Teamhäusern. Außerdem ist in Korea alles auf die Stadt Seoul fixiert, wogegen in den USA riesige Entfernungen zwischen den einzelnen Spielern liegen. Vergleichbar mit dem normalen Sport zum Beispiel Fußball, wo man auch seine Trainingslager hat und seine Routinen hat. Seinen festen Zeitplan für Training. Im Idealfall hat der eSportler noch einen Trainingspartner und muss nicht stupide lostrainieren und kann so auch gewisse Match Ups und Karten ausprobieren und testen. Damit Foreigner oben mitspielen können, nicht nur Ausnahmetalente, muss dieses Denken noch tiefer verankert werden.

Was würdest du am eSport ändern damit er noch besser wird?

Eigentlich genau das, also versuchen mehr Professionalität in den eSport zu bringen. Das klingt so abgedroschen und als Allheilmittel die Professionalität, aber einfach versuchen Training auf eine solidere Stufe zu bringen. Sonst bewegt sich viel in die richtige Richtung im eSport. Bei aller Kritik an der WCS, die Idee eines solchen Turniers wo Spieler die professionell spielen wollen ein gewisses Grundgehalt haben, diese Idee ist Klasse. Und sowas sollte weitergeführt werden. Wir sehen schon ähnliche Ansätze in LoL und DotA und das wird sich in den nächsten Jahren vergrößern. Marketing wird auch immer wichtiger, das ist eines der großen Probleme die Koreaner haben. Man kann Koreaner nicht richtig vermarkten. Der normale B-Teamer kann schlecht Englisch sprechen, ist durch die koreanische Mentalität sehr schüchtern und zurückhaltend und kann die Zuschauer nur bedingt entertainen.

Also fehlen Persönlichkeiten?

Ja es müssen noch welche entwickelt werden. Unterscheiden muss man noch zwischen den westlichen und koreanischen Spielern. Grundsätzlich müssen Persönlichkeiten entwickelt werden, aber der Trainingsaspekt darf nicht zurückgestellt werden. Es gibt viele Spieler die nichts reißen, aber durch ihren Entertainmentfaktor einen riesengroßen Marktwert haben. Das muss sich angleichen. Das wäre das was ich mich wünschen würde. Das eSport dieses Mittelmaß findet: Es gibt ein professionelles Training, aber gleichzeitig vernachlässige ich nicht das Marketing. Um das einer breiten Masse näher zu bringen braucht man halt beides: Hochqualifizierte Spieler aber auch gleichzeitig einen gewissen Entertainment-Faktor. Meiner Meinung nach aber nur bis zu dem Faktor, an dem sich die Leute nicht zum Hampelmann machen.

Was weckt deine Leidenschaft im eSport? Was ist das tolle am eSport?

Alles. (lacht) eSport ist einfach geil. eSport ist eigentlich mein Leben. Ich mach eigentlich nichts anderes seit 14 Jahren. Die ganze Schnelllebigkeit der Szene.

Darf ich kurz Unterbrechen und fragen wie alt du eigentlich bist ?

32, also ein alter Hase. Es ist einfach genial zu sehen, wie sich das alles entwickelt hat. Und wir haben hier auf dem Turnier einen deutschen 15-jährigen Spieler (GunGFuBanDa), der in zwei Monaten wieder verschwunden sein kann oder vielleicht der nächste Stephano ist. Ich habe Stephano zum ersten Mal gecasted, da war er 12 Jahre alt. Wir haben damals noch drüber geredet was Stephano alles reißen kann, wenn er 18 ist. Wir haben immer neue Spieler, die in die Szene kommen und sich so Respekt verschaffen können, wie Stephano es einst tat. Nicht umsonst ist Jaedongs großes Vorbild dieser eine Franzose. Mit dem Geld das inzwischen noch zur Verfügung steht, ist es für die Spieler ein Anreiz auch mal zu sagen: „Hey, ich mach das professionell, selbst wenn man das nicht die nächsten 10 Jahre macht, kann man sich von der Uni zwei Jahre Pause nehmen und kann sagen, dass er das jetzt Fulltime macht.. das finde ich einfach das tolle am eSport.

Läufst du bald mal einen Marathon?

Ne, ich glaube nicht. Ich würde gerne mal einen Ironman mitmachen, aber ich hatte mal einen Mountainbike-Unfall, bei dem ich mir das Knie böse verletzt hab. Nun hab ich das Problem wenn ich zu lange laufe, macht sich das manchmal bemerkbar.

Was drückst du auf der Hantelbank?

(lacht) Ich hasse diese Frage, das weißt du? Ich finde diese Frage affig. Ich drücke kein Maximalgewicht.

Fünfzehn Wiederholungen?

80 Kilogramm, ich finde aber Gewichte vergleichen beim Fitness ist recht schwachsinnig. Kommt darauf an, was man davor für Übungen gemacht hat.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

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Autor: Niklas | Honor

Um-die-Ecken-Denker, Über-den-Tellerand-Späher, Ideen-Umsetzer, Ideen-haber, Junkie der Herausforderung, Motivator, Nicht-an-Regeln-Halter, Peter Pan, Gründer von Bonjwa, ich werde König der Piraten!

5. Februar 2014 - 19:56
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Cranium
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29.10.2017 - 08:59
15.11.13
205

sympathischer Typ der Khaldor ! Besonders gut finde ich seine Ansicht zur Entwicklung des eSports .. Mal schauen was da wirklich passiert.

5. Februar 2014 - 23:03
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akaBoogeyman
Core
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18.08.2018 - 16:37
15.11.13
87

Khaldor ist einer der Beeindruckensten Persönlichkeiten im eSport, finde ich. Seine Ansichten sind klasse, kritisch und Profesionel. Meine Meinung nach wäre er der einzige Caser den man ins Deutsche "Wohnzimmerfernsehen" bringen könnte und zwar aus dem Grund weil er einfach verdammt seriös ist. Versteht mich nicht falsch, ich feier jeden caster, seines nun HomerJ oder Take oder Mori oder sonst wen aber Khaldor ist doch der, der am besten als Vorzeige Beispiel für den eSport wirken kann.

Super Interview! Ich freue mich auf mehr^^

6. Februar 2014 - 6:04
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PS.unskill3d
Benutzer
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23.09.2014 - 23:24
15.11.13
70

Also ich persönlich finde genau wie boogeyman das Khaldor sehr seriös rüber kommt Ich persönlich finde seinen "Casting-Style" zwar nicht besonders oder total genial aber er macht das solide ohne großen schnick schnack. Ich denke das wäre tatsächlich jemand den man dem älteren Publikum im deutschen Fernsehen beispielsweise vorsetzten könnte. Wobei TakeTv zum Beispiel eher etwas für die jüngeren Menschen wäre.

Sprich Khaldor=ZDF TakeTv=MTV ! So in der Richtung würde ich den vegleich mit dem deutschen Fernsehen setzen. :D

Mal abgesehen davon das Khaldor eben kein langweiliges Programm hat.