Verrat oder Überlebenstaktik? Rassenwechsel in RTS-Games

Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht sind im eSport nur zweitrangig - zuallererst identifiziert man sich über die Rasse, die man ins Schlachtfeld führt. Doch was treibt einen dazu, seine Loyalität zu wechseln?

Marco | TripleM 25.06.16

Beinahe jedes Echtzeitstrategiespiel bietet den Spielern verschiedene Rassen, Völker oder Fraktionen an, die sie ins Feld führen können. Diese sind manchmal mehr, manchmal weniger unterschiedlich was Spielweise, Einheitenauswahl und Ästhetik angeht. Blizzards RTS-Spiele sind dafür bekannt, sehr verschiedene Rassen anzubieten: Terraner, Protoss und Zerg im StarCraft-Universum. Menschen, Nachtelfen, Orks und Untote im WarCraft-Universum. Für gewöhnlich sucht man sich als Spieler eine dieser Rassen aus, weil einem einer der drei genannten Faktoren - oder am besten das ganze Trio - zusagt. Dies gilt vor allem für die professionellen Spieler, die ihre Rasse in Turnieren vertreten, ihr Geld mit dem Meistern einer bestimmten Fraktion verdienen. Doch ab und zu kommt es vor, dass Spieler ihre Loyalität neu verteilen und ihre Rasse wechseln.

Was treibt einen Spieler zu diesem Schritt und wo liegen die Vor- und Nachteile? Welche Arten von Rassenwechseln gibt es? Und was ist überhaupt mit Random-Spielern los, die alle Rassen zugleich spielen? Eine kurze Geschichte der Rassenwechsel.

Begründungen

Gründe für Rassenwechsel Gründe gegen Rassenwechsel
+ Langfristige Imbalance - Sympathieverluste bei der Fanbase
+ Persönliche Frustration - Mechanische und mentale Umstellungsschwierigkeit
+ Neugier / Suche nach mehr Spielverständnis - Verlust alter Stärken

Diese kurze Tabelle stellt sicherlich nur einen oberflächlichen Überblick über den Sachverhalt dar, sollte jedoch die am meisten zutreffenden Gründe für und gegen einen Rassenwechsel auflisten. Teilweise ist es der Fall, dass Spieler mit ihrer eigenen Rasse unzufrieden sind, seien es Schwächen in der Balance oder im Spieldesign. Bei solcher Frustration ist es schwierig, motiviert zu bleiben, sodass ein Tapetenwechsel gut tun kann. Andere Spieler suchen lediglich neue Herausforderungen, oder wollen über das Kennenlernen neuer Rassen ihr eigenes Spielverständnis verbessern und einen Schritt weiter zur Lösung des großen Mysteriums StarCraft tätigen.

Die Gefahr dabei ist natürlich zuallererst ein spielerischer Abstieg. Derjenige, der alle drei StarCraft-Rassen auf dem höchsten Level beherrscht, muss erst noch geboren werden. Ein Wechsel ist daher höchst problematisch, da sich Mechaniken und Spielweisen aller Rassen erheblich unterscheiden. Die eigenen Stärken können dadurch verloren gehen, weil sie mit der neuen Fraktion nicht so gut zur Geltung kommen können. Ein Protoss-Spieler, der auf Zerg umsteigt, dürfte zu Beginn auch einfach zu langsam sein, um die neue Rasse effektiv zu nutzen, da die Spielgeschwindigkeiten anders sind. Und nicht zuletzt sind die Fans ein unsicherer Faktor: Die einen bejubeln einen, weil man den mutigen Schritt wagt, seine Loyalität neu zu verteilen. Und die anderen hassen einen, weil man die eigene Rasse verraten und verkauft hat, vielleicht nur, um von einer gewissen Balance-Situation zu profitieren. Ein schmaler Grat für jeden, der sich diesen Schritt in den Kopf gesetzt hat.

Das Design von Blizzards RTS-Games macht die Wahl einer Rasse und einen eventuellen Wechsel daher auch zu einer schwerwiegenden Entscheidung. Diese kann letztendlich persönlich oder gar opportunistisch motiviert sein.

Eine kurze Geschichte

Generell kann zwischen kurzfristigen und langfristigen Rassenwechseln unterschieden werden. Und es gibt natürlich noch die Random-Spieler. Von diesen gab es vor allem während der Beta von Wings of Liberty bzw. im Anfangsstadium des veröffentlichten Spiels einige. Am bemerkenswertesten sind sicherlich TLO und Nerchio für die Foreignerszene und GuMiho und GuineaPig für den koreanischen Schauplatz. Während TLO weltweit beliebt für seine Kreativität war, gilt GuMiho allgemein als bester Random-Spieler aller Zeiten: Er hat es damit bis in die GSL Code S geschafft. Durch die Professionalisierung des Spiels gerieten Random-Spieler jedoch mehr und mehr in den Nachteil - der Überraschungsmoment wurde weniger wert, während mechanische Fähigkeiten und die Meisterung einer einzigen Rasse zum Erfolg führten. Daher ist das fast gänzliche Aussterben dieser Spieler kaum überraschend. Lediglich der Koreaner Balloon hatte in den letzten Jahren ein wenig Turniererfolg als Random-Spieler.

Was kurz- und langfristige Wechsel angeht, so sind langfristige in StarCraft 2 häufiger als kurzzeitige. Letztere hatten vor allem in Brood War und WarCraft 3 einen festen Platz in der Szene: So war in WC3 das Match-Up zwischen Orks und Menschen bei vielen Progamern absolut verhasst - so verhasst, dass viele Ork-Spieler bei einem Duell gegen 'Human-Users' ebenfalls auf die Menschen setzten, sodass statt dem OvH Match-Up Human Mirror-Matches gespielt wurden. In Brood War war es vor der vollständigen Professionalisierung des Sports lange Gang und Gäbe, für ein Match seine Rasse zu wechseln, um seinen Gegner zu überraschen - selbst BoxeR, der legendäre Emperor of Terran, setzte ab und zu auf seine Protoss-Fähigkeiten.

Wieso sich ein solches Verhalten in StarCraft 2 niemals entwickelt hat, ist schwer zu sagen. Einerseits wurde die Szene schnell professionalisiert, sodass nicht allzu viel Zeit für Experimente blieb, sobald die Beta beendet war. Andererseits sah wohl auch niemand den Sinn: Manche Match-Ups galten vielleicht als langweilig oder unausgeglichen, doch es gab immer gewissen Lösungen über Cheeses, Allins oder andere Taktiken. Die eigene Rasse bot stets einen Lösungsweg an, sodass man sich nicht anderweitig umschauen musste. Nur ein einziger Vorfall eines solchen Wechsels hat sich in der Geschichte der großen SC2-Turniere zugetragen: Während der MLG 2014 in Anaheim trafen Scarlett und DongRaeGu aufeinander. Im ersten Spiel der Serie gab es ein ZvZ Mirror-Match, doch im zweiten Spiel wechselte die kanadische Spielerin auf Protoss und besiegte den Zerg mit einem Mass Gateway-Allin.

Langfristige Wechsel haben eine etwas breitere und erfolgreichere Geschichte in StarCraft 2 genossen: MorroW etwa gewann als Terraner 2010 eine IEM, wechselte dann auf Zerg und stieg zum besten Spieler der Rasse außerhalb Koreas auf. Der Schwede gilt allerdings sowieso als eine Person mit sehr hohem Verständnis der Mechaniken hinter RTS-Games, sodass sein Erfolg nicht allzu überraschend erscheint. Viele Wechsel ereigneten sich nach dem großen KeSPA-Switch von Brood War zu SC2. Classic zum Beispiel war in BW ein Terraner und blieb seiner Rasse auch zu Beginn seiner SC2-Karriere treu - bis er ein TvT gegen ThorZaIN verlor und damit als erster Koreaner ein Proleague-Spiel gegen einen Foreigner seit über zehn Jahren verlor. Danach wechselte er auf Protoss und holte seither zwei Premier-Titel in Korea. Der wohl erfolgreichste Rassenwechsel überhaupt.

Alternativen

Vor allem in StarCraft 2 sind Rassenwechsel also eine sehr große und wichtige Sache. Begründet werden kann dies mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Fraktionen in Blizzards RTS-Spielen. Sie sind so groß, dass man bei einem Wechsel seine Erfahrung und seine Spielweise quasi in die Tonne kippen und von neu anfangen kann. Andere RTS-Games haben unterschiedliche Ansätze in diesem Gebiet: So gibt es etwa bei Age of Empires II - einem weiterhin äußerst gesunden RTS-Titel im eSport-Bereich - natürlich verschiedene Völker mit verschiedenen Features (mittlerweile 25 an der Zahl). Doch unterscheiden sie sich eben nur in wenigen verschiedenen Einheiten und passiven Boni. Die Grundlagen - wie funktioniert die Wirtschaft, wie werden Einheiten gebaut, wie wird geforscht - sind immer gleich. Die Unterschiede der einzelnen Völker sind dennoch so groß, dass gewisse Match-Ups (gepaart mit gewissen Karten) unausgeglichen sind.

So will niemand auf einer Karte mit viel Land gegen die Hunnen spielen, die keine Häuser bauen müssen, um ihr Bevölkerungslimit zu erhöhen - sie müssen also keine Supply-Gebäude bauen. Traditionell gibt es also in Serien meist eine Karte, auf der ein Hunnen Mirror-Match gespielt wird, sodass beide Seiten die gleichen Boni haben. Der Großteil der Völker hat jedoch weniger 'imba'-Eigenschaften, sodass es auch in AoE2 zu verschiedenartigen Match-Ups kommt. Wird eine Serie geplant, gibt es eine Art Bann-Phase, wie sie aus Dota bekannt ist: Es werden Kartentypen festgelegt und welche Völker man darauf spielen darf und welche verboten sind. In AoE2 muss man daher alle verfügbaren Fraktionen beherrschen - und obwohl Spieler sicherlich ihre Vorlieben haben, gibt es kein "Haupt-Volk" (keine Main-Race in SC2-Terminologie).

Die gute, alte Cobra ist für jede Zivilisation gleich. Screenshot: Forgotten Empires

Was einem besser gefällt, ist sicherlich eine persönliche Entscheidung. Doch in welchem System man auch spielt, die gewählte Fraktion bestimmt maßgeblich die Art und Weise, wie man sich in den Kampf stürzt und das Spiel genießt - und auch das ist daher eine sehr persönliche Entscheidung. Ernstgemeinte, öffentliche Kritik - gar Hass - auf Rassenwechsler ist daher kaum angebracht. Doch auch der Jubel sollte sich in Grenzen halten: Ja, es entsteht eine gewisse Aufregung und Abwechslung dadurch, doch Rassenwechsel können oftmals Spieler - und die Spielqualität - auch behindern. SjoW beendete seine Karriere nach dem fehlgeschlagenen Switch auf Protoss, TLO erreichte niemals absoluten Elite-Status, weil er sich zu sehr in seine Wechselspielchen vertiefte, anstatt eine Rasse zu meistern. Ein zweischneidiges Schwert also - oder besser: Dreischneidig.

Habt Ihr schon einmal Eure Haupt-Rasse gewechselt? Wie lief es?

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Autor: Marco | TripleM

Mein Name ist Marco, ich bin Student und mittlerweile seit fünf Jahren in der Esport-Szene als Schreiberling aktiv. Mein "Fachgebiet" ist StarCraft (2), und hier vor allem die glorreiche Szene in Südkorea. Ansonsten bin ich sehr großer Fan von anderen Strategiespielen, egal ob in Echtzeit oder Runden. eSport-technisch bin ich außerdem in Dota 2 aktiv.

Darf ich eigentlich meinen Twitter-Account hier pluggen?

25. Juni 2016 - 22:08
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Lorgi
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05.09.2018 - 18:51
26.04.16
172

Also ich hab damals zu WC3-Zeiten immer zwei Rassen gespielt (Nachtelf und Orcs), um etwas variabler zu bleiben und den Spaß zu erhalten. Bei SC2 hab ich mich bisher nur auf Protoss konzentriert, plane mit dem Start der E-Athletes mir jede Rasse genauer anzuschauen und vllt auch mit jeder der drei zu laddern. Dass ich dann evtl. nicht so weit komme ist mir dann egal.

27. Juni 2016 - 7:44
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Esoxx
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13.07.2016 - 18:57
22.03.15
7

Hab damals mit Terranern angefangen, dann inspiriert von Honor auf Random geswitcht und dabei gemerkt, wie geil sich Protoss spielt. Seit dem spiel ich nur noch Protoss ^^. Zum Thema Verrat hab ich zumindest festgestellt, dass der Zerg TLO für mich nicht mehr der gleiche ist, wie der Terra TLO. Was seinen Legendenstatus angeht, denk ich immer nur wehmütig an die Terranerzeiten zurück, auch wenn ich nicht so weit gehen würde, das einen Verrat zu nennen.

27. Juni 2016 - 16:32
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VED
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27.08.2018 - 17:07
03.04.16
28

Ich selber spielte primär Terraner, sekundär Protoss und mit Zerg kam ich gar nicht klar.

Aber vor meiner letzten Saison spielte ich alle drei Spezies aus einem guten Grund.

Ich war schon immer der „learning by doing“ Typ. Und ja auch als Terraner muss ich sagen, es hat schon was mit Zerg einfach mal 6-8 Ultralisken zu bauen, und mit A-Move dem Mitspieler in die Basis zu rennen, oder mit Vipern die Luftarmee der Mitspieler mit einer Parasitenbombe unter Druck zu setzen. Mit Protoss die Templer bauen und dann mit Storms die kompletten Einheiten der Mitspieler im Gewitter untergehen zu lassen, oder Toss-Air mit Phönix/Void-Ray/Carrier/Tempest/Mutterschiff zu spielen. Um die Spiele in meiner letzten Saison gestalten und ausführen zu können, musste ich ganz genau wissen was bei allen drei möglich ist.

Vor allem bei Anfängern finde ich das extrem wichtig, alle drei zu spielen und zu testen, damit die Anfänger wissen was eigentlich möglich ist pro Spezies. Was man im Early-/Mid-/Lategame braucht um es zu richten. Um zu wissen was zu tun ist, bringt es nichts die Spiele anderer anzuschauen, oder von anderen zu hören was man zu tun ist, oder nur Builds auswendig zu lernen. Man muss es selber gemacht haben. Und bei den Versuchen der Anfänger spielt es auch keine Rolle ob Sie es gut oder schlecht ausführen, sondern einfach um zu sehen was für Möglichkeiten bereitstehen pro Spezies.

Bei Anfängern wie meiner Freundin zum Beispiel sagte ich ihr auch, spiel alle drei um erst mal zu sehen welche dir besser passt, und damit du siehst was jede Spezies kann. Spielst online einfach ungewertet oder gegen KI.

Im Profibereich ist das halt extrem schwierig die Spezies zu wechseln denke ich mir, da im Gegensatz zum Amateurbereich dort wesentlich mehr auf dem Spiel steht. Auch hat ein Spieler mit Terraner andere Vorgehensweisen wie ein z.B. ein Zerg. Das macht es im Profibereich natürlich nicht einfacher. Aber als Verrat würde ich einen Wechsel in einem Spiel wie Starcraft nicht bezeichnen. Klar haben manche Profis ihre Fans die es gewohnt sind das X nur Terraner spielt, Y nur Zerg, und Z nur Protoss. Aber es ist wie im wahren Leben manchmal tut ein Tapetenwechsel gut, um etwas Neues zu finden und mögen, oder um festzustellen das dies was man hatte oder hat, eigentlich das richtige ist. Aber alleine die Erfahrung bringt einen immer weiter.

Und als Terraner nie vergessen, ein gut getimter Drop ist immer Top.

28. Juni 2016 - 19:36
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NoBoDy90
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19.08.2016 - 17:00
27.06.15
38

Hallo,

ich selbst kann bei diesen Thema noch nicht wirklich mitreden. Ich habe, seit dem ich SC2 spiele, immer wieder Probleme eine Rasse zu wählen. In SC1 habe ich Terran gespielt, von der Story her sind aber die Protoss meine Lieblinge und spielerisch komme ich am besten mit Zerg klar.

Was sind eurer Meinung nach Kriterien zur Auswahl der vermeindlich "richtigen" Rasse für einen Spieler? Oder gibt es Spieler die mit den Start von E-Athletes vor dem selben Problem stehen?

Mit freundlichen Grüßen

Andreas

29. Juni 2016 - 20:28
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Phenexx
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13.12.2018 - 21:38
19.12.13
334

Hi NoBoDy90 in erster Linie solltest du die Rasse wählen die dir vom Design und Mechanik her am besten gefällt, die Mechaniken kann man sich ja antrainieren.

solltest du jedoch nur interressiert daran sein in der ladder schnell aufzusteigen solltest du die Rasse wählen mit der du spielerisch schon am besten klar kommst, jedoch kann es dann auch passieren das dich diese Rasse schnell langweilt oder nervt weil dir das Design dahinter nicht gefällt.

ich z.B. spiele Hauptsächlich Protoss und nebenher zum spaß in normal games oder dem ein oder anderen ladder game auch Zerg und ganz selten mal terraner.

Ich habe schon jede Rasse längere zeit gespielt, zumindest zur Broodwar Zeit danach fast ausschließlich Protoss, da mir diese Rasse vom design und Hintergrund her am besten gefällt.

MfG