Von Aufstieg und Fall eines Königs: Die Karriere von MarineKing

Ein geheimnisvoller Ritter, innovative Kriegslisten, große Sympathien beim Volk, unkontrollierbare Emotionen - am Ende steht ein gebrochener Mann.

Marco | TripleM 11.06.16

Prolog

Lee Jeong Hoon war einer der Jungs, die im Progaming groß rauskommen wollten. Und immerhin, er schaffte es als Brood War-Spieler tatsächlich ins Fernsehen. Der große Durchbruch war dies allerdings nicht. Nein, sein Ansatz war anders: Wie ein mysteriöser Ritter, der ohne Wappen an einem Turnier teilnimmt, kam der erste Ruhm für den jungen Jeong Hoon dank seiner Maskierung zustande. Manch einer unterstellte dem Terraner Arroganz, andere fanden es ganz süß, dass er sich nach seinem Idol - dem Idol jedes Gamers in Südkorea - benannte: 'BoxeR'. Der Account kletterte in der koreanischen StarCraft 2-Ladder weit nach oben und die Verwirrung war groß: Ist dies tatsächlich der Emperor of Terran, der da SC2 spielt?

Die Auflösung des Rätsels kam kurz vor dem Beginn unseres nächsten Aktes. Der echte BoxeR, Lim Yo Hwan, spielte tatsächlich StarCraft 2 und sollte die Szene in den nächsten Jahren auf einigen Wegen massiv beeinflussen. Doch sein Account war dies nicht, denn er spielte unter der ID 'ManOfOneWay'. Aus dem Ladder-BoxeR wurde im Mund der Community daher ganz schnell 'FoxeR' - Fake BoxeR. Und so begann die StarCraft 2-Karriere des Spielers, den man später MarineKing nennen sollte. Und auch er sollte die StarCraft 2-Szene massiv beeinflussen.

MarineKing gewinnt einen MLG-Titel am Höhepunkt seiner Karriere - nach so vielen Rückschlägen kann er seinen Sieg kaum fassen. (Foto: R1CH, teamliquid.net)

Aufstieg

Schon sein GSL-Debüt 2010 machte die Ansprüche des Spielers klar, der da antrat: FoxeR schaltete den amtierenden Champion, den legendären Fruitdealer mit einem 2-0 aus und begründete damit den Fluch des GSL-Champions, der für einige Zeit Angst und Schrecken verbreitete. Ein weiterer klarer Sieg brachte ihn ins Viertelfinale, wo ein gefährlicher Gegner wartete: Kyrix, ein aggressiver Baneling-Spieler. Man erwartete eine Niederlage des Newcomers gegen den Zerg und man hätte wohl kaum eine Träne vergossen, wäre FoxeR in diesem Moment gescheitert. Immerhin hatte er den äußerst populären Champion eliminiert.

Doch der Terraner fand einen Weg in die Herzen der Fans, und der war identisch mit dem Weg zum Sieg über Kyrix. Man mag es kaum glauben, aber damals existierten nur rudimentäre Formen der Baneling-Abwehr. Terraner hofften einfach, dass ihre Panzer und Marines genug Feuerkraft besaßen, um die suizidalen Bälle aufzuhalten, bevor sie die Frontlinien erreichten. FoxeR zeigte dem StarCraft 2-Universum eine andere Methode. Eine, die wir heute noch gebrauchen: Den Marine-Split. Diese spektakuläre Micro-Technik gab ihm nicht nur den entscheidenden Vorteil gegen seinen Zerg-Opponenten, sie sicherte ihm auch unglaubliche Popularität. FoxeR wurde nun nicht mehr als eine passiv-aggressive Bezeichnung genutzt, sondern wurde mit Respekt ausgesprochen.

Video: MarineKings Micro gegen Kyrix.

Die Straße zum Finale ging also weiter und das nächste Hindernis hatte es erneut in sich: Der Runner-Up der ersten GSL-Saison - einer der wichtigsten Innovatoren in Brood War - RainBOw hatte ebenfalls das Halbfinale erreicht. Doch große Namen machten FoxeR keine Angst und ein weiterer deutlicher Sieg ließ ihn zum Fanliebling avancieren. Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie sein erstes großes Finale zu bewerten. Er hat es als absoluter Überraschungskandidat bis ganz zum Ende des Turniers geschafft, hat dabei den 2-Rax-Build und die Marine-Splits populär gemacht, doch seine Niederlage gegen NesTea in eben jener Serie lässt diese Erfolge leicht verblassen. Auf den damaligen Karten, mit den damaligen Werkzeugen hätte nach heutigen Standards kein Zerg jemals auch nur ein Spiel gewinnen dürfen. Und doch war es NesTea - seiner Zeit strategisch und taktisch weit voraus - der am Ende den GSL-Sieg feierte.

Noch war dies jedoch kein Grund für Trauer. Endlich hatte es Lee Jeong Hoon ins Rampenlicht geschafft. Feierlich verkündete er seine neue ID 'MarineKing' zu Ehren der Einheit, die er so effektiv zu nutzen wusste. Er musste nicht länger den Namen eines anderen tragen. Er begann, selbst Geschichte zu schreiben. Wie tragisch sie enden würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht.

Einen Vorgeschmack erhielt der Terraner allerdings: Er erreichte 2011 zwei Mal das Finale von GSL-Turnieren und scheiterte beide Male gegen seinen großen Rivalen Mvp, einen Teamkollegen von NesTea, dessen Spielstil das Gegenteil von MarineKings micro-orientierter Philosophie war. Obwohl es MarineKings Position als Teil der Starcraft-2-Elite zementierte und zu seinem Aufstieg beitrug, ist auch hier bereits der Grund für seinen letztendlichen Fall zu sehen: MarineKing erwies sich als wenig anpassungsfähig, während Mvps Stil facettenreicher war. Und während Mvp einen kühlen Kopf behielt, wurde MarineKing emotional. Dies brachte ihm große Sympathie bei den Fans ein - wer wollte damals nicht den weinenden MarineKing trösten, der Finale um Finale verlor? Aus MarineKing wurde langsam MarineKong, und damit der erste Spieler, den man YellOws Runner-Up-Fluch - das Schicksal des ewigen Zweiten - in StarCraft 2 nachsagte. Und wie es vielleicht auch bei YellOw der Fall gewesen ist, schien sich dieser Gedanke in MarineKings Kopf breit zu machen, schien seine Fähigkeiten zu behindern, wenn es darauf ankam.

Mvp brachte MarineKing zwei Finalniederlagen bei - harte Lektionen für den Prime-Spieler. (Screenshot: GOMTV)

Endgültig fertig war der Terraner damit allerdings nicht. Es verging ein halbes Jahr, in dem MarineKing nicht besonders auffiel. Er hatte etwas von Mvp gelernt. Allein mit Micro gewann man keine Titel.

Höhepunkt

MarineKing erfand sich neu, spielte nun lange Games mit macro-orientierten Openings - Variationen des Triple Orbital Command-Builds. Und hatte damit Erfolg. Er gewann 2012 zwei stark besetzte MLG-Turniere in der Blütezeit jener Turnierserie gegen seinen neuen Erzrivalen DongRaeGu und konnte endlich Tränen der anderen Art vergießen: Tränen der Freude, des Triumphes.

Video: MarineKing tanzt den Kong-Dance (YellOws Markenzeichen), um seinen MLG-Sieg zu feiern.

MarineKingPrime - MKP - war endlich ein Champion. Und nicht nur ihm persönlich brachte die neue Philosophie Erfolg. Es ist kein Zufall, dass die Blütezeit seines Teams Prime mit mehreren Siegen in wichtigen Teamwettbewerben - unter anderem einem GSTL-Titel - in diesen Zeitraum fällt. Lee Jeong Hoon war nicht nur der König der Marines, er beäugte auch den Thron von StarCraft 2.

MarineKing feiert Primes GSTL-Sieg mit seinem Schüler Maru. (Foto: gosugamers.net)

In seiner Zeit der Neuerfindung hatte er jedoch eine Schwäche nicht ausgebügelt. Diese - bereits offensichtlich in seinen Serien gegen Mvp - führte nun zu seinem Niedergang.

Fall

MarineKings Erfolg basierte auf Gier, auf gierigen Builds, die ihm einen ökonomischen Vorteil verschafften. Seine Gegner brauchten etwas Zeit, doch letztendlich passten sie sich an. MarineKing allerdings unternahm nichts dergleichen, ruhte sich auf seinem Erfolg aus. Seine alte Sturheit, seine Verbissenheit an diesem Rezept festzuhalten, machte ihn äußerst verwundbar. Jeder wusste an einem gewissen Punkt, wie man MarineKings Builds gegen ihn verwendet, wie man ihn über seine Gier zu Fall bringen kann. Der Terraner hatte keinen Konter parat, keinen Plan B, als sich seine große Stärke zu seiner Achillesferse entwickelte.

Dazu kam seine emotionale Veranlagung. Die hatte ihn zwar beliebt gemacht, doch auf dem Schlachtfeld stellte sie eine große Schwäche da. MarineKing fing immer und immer wieder an zu 'tilten', wie man im englischen eSport-Sprachgebrauch sagen würde. Umfallen oder kippen wären die richtigen deutschen Übersetzungen. Hatte man MarineKing einmal eine Niederlage zugefügt, erledigte sich der Rest eigentlich von selbst, wie bei einem Aufbau aus Dominosteinen ohne Bremse.

Seine Fans hielten an diesem Punkt noch zu ihm, doch auch von diesen verlor er einige, als er 2013 nach vielen Misserfolgen und verpassten Code S-Qualifikationen das Handtuch warf. Doch es war nicht der Ruhestand, den er sich wünschte, es war ein Wechsel zu League of Legends. Für viele StarCraft 2-Fans damals wie heute eine absolute Todsünde. Kaum einer war traurig, als er vom Scheitern dieses kurzweiligen Unternehmens hörte.

Der Hype war groß, als seine Rückkehr angekündigt wurde. Doch 2014 landete der Terraner keinen einzigen Erfolg. Er verließ sogar Prime, das einzige Team, dem er bis dahin angehört hatte. Das Team, das ihm seinen Nicknamen MKP verliehen hatte. Unter der Flagge von MVP sollte MarineKing einen letzten Erfolg erleben. Wie aus dem Nichts zeigte er im Hot6ix Cup 2014 starke Spiele, kämpfte sich in einer Protoss-dominierten Zeit in TvPs ins Finale vor - nur um dort von sOs nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen zu werden. Das 0-4 gegen Mvp 2011 war brutal gewesen. Dieses 1-4 gegen sOs zerbrach MarineKing in tausend Stücke, die niemand mehr auflesen konnte. Es war sein letztes Finale.

Video: sOs beendet MarineKings letzten guten Lauf.

Epilog

Hätte MarineKing an diesem Punkt aufgehört, hätte es wohl jeder verstanden. Mit Sicherheit wäre es die beste Entscheidung gewesen. Besser, als seine von der Community als peinlich und einseitig bewerteten Proleague-Niederlagen. Und vor allem besser, weil MarineKing niemals in den Strudel des Matchfixing-Skandals hineingezogen worden wäre. Es war ein Spiel gegen ByuL gewesen. Der Zerg führte einen Proxy-Hatchery-Spine Crawler-Rush durch, sein Gegner hatte klare Sicht auf den Creep am Ende seiner Basis. Und doch tat er nichts dagegen. Da er nicht zusammen mit anderen Matchfixern von der Polizei festgenommen wurde, ist heute klar, dass MarineKing damals wohl wirklich den Creep einfach nicht bemerkte, - ein Zeichen schlechter Kartenwahrnehmung -, doch nach dem Match brodelte die Gerüchteküche. Einer der beliebtesten, der größten Spieler aller Zeiten ein krimineller Matchfixer? MarineKings Ruhm, die Liebe seiner Fans, alles was er sich aufgebaut hatte - es zählte nichts mehr. Er hatte es - unabsichtlich - ruiniert. Die koreanische eSport-Szene ist harsch, sie vergibt keine Fehltritte. Schon gar nicht, wenn es auch nur im Ansatz um Matchfixing geht - ob schuldig oder unschuldig.

Video: Das verhängnisvolle Proleague-Spiel gegen ByuL.

Eingesetzt wurde er nach diesem Skandal nicht mehr. Er hatte das Vertrauen seines Teams und seines Coaches verloren. Im Mai 2016 beendete MarineKing schließlich seine Karriere nach der verpassten Code S-Qualifikation. Zu spät, wie man meinen könnte. Alles, was bleibt, ist eine Legende, von der viele am liebsten einen Teil vergessen würden. Doch auch jene Aspekte gehören zu MarineKing - die Schwächen, die Emotionen, die fehlende Maskierung. Sie machen ihn menschlich. Und genau die Legenden, mit denen sich jeder verbunden fühlen kann, sind die größten von allen.

Was ist eure stärkste MarineKing-Erinnerung?

Bild des Benutzers TripleM

Autor: Marco | TripleM

Mein Name ist Marco, ich bin Student und mittlerweile seit fünf Jahren in der Esport-Szene als Schreiberling aktiv. Mein "Fachgebiet" ist StarCraft (2), und hier vor allem die glorreiche Szene in Südkorea. Ansonsten bin ich sehr großer Fan von anderen Strategiespielen, egal ob in Echtzeit oder Runden. eSport-technisch bin ich außerdem in Dota 2 aktiv.

Darf ich eigentlich meinen Twitter-Account hier pluggen?

12. Juni 2016 - 15:39
Bild des Benutzers Zzorrkk
Zzorrkk
Core
Offline
06.01.2018 - 13:39
06.04.16
15

Schöner Artikel. Danke. Leider verstehe ich den Epilog nicht, obwohl ich durchaus viele Games auf YouTube gesehen habe. Was ist der Matchfixing Skandal und wieso ist seine Sicht auf den Creep irgendein Indiz? Eine kurze Aufklärung wäre super ;-)

12. Juni 2016 - 17:50
Bild des Benutzers TripleM
TripleM
Benutzer
Offline
29.03.2017 - 16:53
18.08.15
41

ByuLs Proxy war wegen des Creeps eigentlich auf der Minimap sichtbar für MarineKing, trotzdem bemerkte den Cheese wohl nicht und unternahm nichts dagegen. Direkt nach dem Spiel wurde dann gemunkelt, dass MarineKing den Creep absichtlich ignoriert und das Spiel weggeschmissen hat. Ein Großteil der Community war damals davon überzeugt, dass er Geld dafür genommen hat, das Spiel zu verlieren.

Seither wurden allerdings mehrere Spieler für das Matchfixing verhaftet und MarineKing war keiner davon - von daher wissen wir heute, dass er wohl unschuldig war.

12. Juni 2016 - 22:04
Bild des Benutzers Lorgi
Lorgi
Core
Offline
05.09.2018 - 18:51
26.04.16
172

Also wenn man das Video zum Matchfixing-Spiel sieht, kann man sich wirklich kaum vorstellen, dass er den Gegner auf der Minimap NICHT gesehen hat. Aber Nervosität oder was auch immer haben da wohl ihr übriges getan. Echt mies, wenn einem soetwas wie Betrug vorgeworfen wird, denn wenn man erst einmal so einen Ruf hat (selbst wenn er sich nicht bestätigt), wird man ihn nie komplett wieder los.