Community-Probleme: The Art of Throw

Noobs throwen, Pros throwen, Männlein und Weiblein throwen. In dieser Ausgabe dreht sich alles um das Verlieren von vermeintlich gewonnen Spielen.

Max | Zahard 27.12.14

"Das große Karthago führte 3 Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden." schrieb Bertolt Brecht 1951 und auch wenn er damit wohl noch nicht ein Phänomen des eSports in über 70 Jahren Zukunft meinen konnte, lässt sich aus diesem Satz überraschend viel Aussagekraft für ein Problem moderner Zocker herauskristallisieren. Denn das Medium, das zu seiner Zeit lediglich zarte 10 Jahre alt war, hat sich zu einer ausgewachsenen Sportart gemausert. Und die Spieler eben dieser haben häufig ein und dasselbe Problem: Throwing. Dieses Verb abgeleitet vom englischen Wort für "werfen" (throw) beschreibt den Vorgang einen erheblichen Vorteil im Laufe des Spiels aus der Hand zu geben. Dabei liegen die Ursachen für dieses relativ unlogische Phänomen mehr oder minder exklusiv im Kopf des Menschen und haben nicht zwangläufig etwas mit Können zu tun. Rein rational denkend, dürfte ein Vorteil das Gehirn schließlich nicht aus der Bahn werfen. Eine psychische Reaktion setzt natürlich voraus, dass der Gamer von seinem Vorteil weiß, da eine unwissentlich hergegebene Führung vom Individuum nicht direkt als Throw empfunden wird, bis man das Replay inszpiziert.

Im Folgenden werden unkalkulierbare Faktoren wie zum Beispiel Glück nicht berücksichtigt, da sie keine oder kaum beeinflussbare Größen im Spielverlauf sind.

Wie gewonnen so zerronnen

Wie bei fast jeder Fehleranalyse beginnt die Spurensuche bei solchen nicht zwangsläufig skillabhängigen Phänomenen in der Psyche des Menschen. Generell startet der Vorgang des Throwens direkt mit dem Erspielen des Vorteils an sich. Das Zauberwort hier heißt Vorfreude, welches dem Gamer Aussicht auf ein zukünftiges Glücksgefühl gibt, in diesem Fall den Sieg. Dabei ist allerdings anzumerken, dass der menschliche Geist nicht jede Aussicht auf Erfolg automatisch als gut empfindet. So muss das Ereignis unerwartet - aber auch als verdient empfunden werden, damit sich das Gefühl einstellt, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth. Im Falle eines Einzelranglistenspiels wäre die unerwartete Komponenten das Unwissen um die Stärke des Gegners, weshalb sich beim Spiel gegen einen bereits bewusst schlechteren Spieler keine oder kaum Vorfreude einstellt. Verdient ist der Vorsprung somit auch nur, wenn er nicht durch einen Disconnect oder ähnliches zu stande kam, ausgenommen derjenige empfindet den Dc des Gegners aus irgendeinem Grund als gerechtfertigt (man hatte beispielsweise davor selbst einen Disconnect oder der Gegner hatte besonders unschöne Floskeln parat).

Dieses aufkommende Glücksgefühl bewirkt, wie viele von euch wahrscheinlich bereits wissen, eine Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. Dieser ist in unserem Hirn für den Belohnungsmechanismus verwantwortlich und hat sich so den Beinamen "Glückshormon" eingebracht. Allerdings hat dieser Mechanismus nicht nur positive Effekte: So kam eine Studie der Berliner Charité zu der Erkenntnis, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Man stellte fest, dass die Konzentration von Dopamin im Mittelhirn direkten Einfluss auf des Empfinden von Reizen hat. Menschen mit einer hohen Konzentration reagierten demnach schneller gestresst und ängstlich auf negative Reize, als andere mit niedrigerer. Zwar ist die Menge der Ausschüttung von Person zu Person unterschiedlich, aber überträgt man diese Reaktion auf das Spielgeschehen, erkennt man auch warum selbst gute Spieler Probleme haben können. So löst das Wiedererstarken des Gegners (negativer Reiz) Stress aus und vermindert damit die Konzentration. Das Hirn hat umgangssprachlich gesagt "Angst um seine Belohnung" und macht im folgenden Fehler, die durch das fortschreitende Verlieren des Vorsprungs eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die häufig zu einer Niederlage führt, obwohl man vielleicht sogar ziemlich ausgeglichen ins Lategame kommt.

Nicht zu verwechseln ist dies allerdings mit dem Gefühl, dass man durch den Spaß am Zocken an sich erhält. Diese Motivation hat zwar dieselben Effekte wie das Spielen um besser zu werden, besitzt aber komplett andere negative Reize. Für solch einen Gamer ist das Wiedererstarken des Gegners, bzw. sogar das Verlieren einer solchen Partie, in seinen Augen kein negatives Erlebnis, da es nicht im Widerspruch zu seinem Ziel steht. Damit hat die Psychologie des Throwens logischerweise auch viel mit der Einstellung zu tun und der Wahrnehmung des Spielgeschehens.

Throwing: ein multikausales problem

Doch man muss nicht in die Tiefenpsychologie des menschlichen Seins eindringen um Gründe zu finden (auch wenn es faszinierend ist, wie das Gehirn funktioniert). Besonders Anfänger tappen häufig in die Falle, sich allzu sicher zu fühlen und dann überraschend von einem wiedererstarkten Gegner überrannt zu werden. Dabei ist der Grund herfür meist schlicht und ergreifend Unwissenheit. Der Spieler ist sich des Comeback-Potenzials seines Gegenübers nicht bewusst oder unterschätzt dies gnadenlos. Jedoch ist die Antwort auf dieses Problem sowohl für Starcraft II als auch für Mobas relativ einfach. Die wichtigste Aktion um einen Throw zu verhindern, ist in jedem Fall Scouting. Während in Starcraft das Erkunden der gegnerischen Basis bei ausreichendem Einschätzungsvermögen einen guten Aufschluss über den errungen Vorsprung gibt, geht es bei Mobas viel eher darum den bereits erzielten Erfolg durch Wards und Mapawareness zu festigen. Auch spielen für alle Games das Wissen um die Möglichkeiten des Feindes eine Rolle, denn wie sich die zeitweilige Überlegenheit an Ressourcen/Gold auf den zu erwartenen Spielfortschritt auswirkt, ist entscheidend.

Logischerweise ist nicht immer das Gefühl von Sicherheit der Grund für eine verpasste Gelegenheit den Sieg endlich einzusacken. Je nach Können haben eSportler verschiedenste taktische Probleme mit dem "nach Hause fahren" eines Vorsprungs. Es mangelt schlicht und ergreifend an der passenden Strategie. Erfahrenere SC-Spieler wissen, dass Terran durch MULEs auch mit bedeutend weniger Basen für eine bestimmte Zeit sehr schlagkräftig sein kann und erfahrene Dota- und LoL-Gamer kennen die verschiedenen Powerspikes von Helden/Champions, die Vorteile durchaus relativieren können. Somit ist es wichtig zu erkennen, was getan werden muss um den Vorsprung auszunutzen oder ihn zum Lategame hin auszubauen. Dies erfordert viel Übung und Kenntnis über das favorisierte Videospiel, was meist eine ganze Menge an Zeit kostet. Solltet ihr verständlicherweise noch Probleme haben solche Situationen richtig einzuschätzen, hilft nur das Sammeln von Erfahrung durch weitere Runden oder ihr guckt in der Bonjwa-Academy, ob zu eurem Problem/Charakter ein Guide oder sonstige Unterstützung existiert.

Abschließend möchten wir die letzten Zeilen dieses Artikels unserem lieben Kollegen Moritz aka Cranium widmen. Dieser wird aufgrund von gesundheitlichen Problemen für unbestimmte Zeit das Team der Bonjwa-Newsredaktion verlassen. Wir werden das Hammerjahr, welches wir mit ihm teilen durften nie vergessen und würden uns über eine Rückkehr sehr freuen. Wir wünschen dir alles Gute Moritz, wir werden dich vermissen.

Bild des Benutzers Zahard

Autor: Max | Zahard

Als Student aus Leidenschaft schimpft man mich Redakteur in den Diensten Bonjwas. Meine eSport-Karriere begann mit der Spielzeug-Raserei Trackmania Nations vor ungefähr 7 Jahren und fokussiert sich momentan zu 100% auf Overwatch. Ein Game für die Götter :3

Außerdem zock ich leidenschaftlich Victoria 2 und Europa Universalis 4.