Im Profil: fnatic - Die einsame Spitze

Am späten Abend des 23. August gewannen die fünf Schweden des Counter Strike-Teams von fnatic die ESL One in Köln. Auf dem Olymp ist die Luft dünn - und an der Spitze ist es einsam.

Niko | Flakes 26.08.15

Vom 20. bis zum 23. August fand das sechste Major Tournament für Counter-Strike: Global Offensive in Köln statt. Nach dem Halbfinale der ESL One Cologne wendete Olof "olofmeister" Kajbjer von fnatic seinem Monitor den Rücken zu und wurde zum Interview gebeten. Gerade hatte fnatic das polnische Team von Virtus Pro ausgestochen und rückte in das Finale ein. Ein Grund zur Freude – oder nicht?

Das Leben an der Spitze

Ihm gegenüber stand die Fankurve von Virtus Pro: Beinharte Fans, mit polnischen Flaggen behangen, mit nacktem Oberkörper auf der Absperrung stehend – nur Sekunden davon entfernt, erste Bengalos und BHs auf die Bühne flattern zu lassen. Immer wieder musste Olofmeister seine Sätze unterbrechen, selbst Stage-Host O.J. Borg versuchte, die Menge zu beruhigen. Kurzerhand betrat auch der Spieler “TaZ” von Virtus Pro die Bühne, bat Borg um sein Mikrofon und wendete sich direkt an die buhend wirbelende Fankurve. Sein Aufruf: Respekt. “Respektiert den zweiten Finalisten!”, ruft TaZ seinen Fans zu. Er verlässt die Bühne.

Quelle: ESL / Foto: Helena Kristiansson

An der Spitze ist es einsam. Dass fnatic ein überaus erfolgreiches Counter Strike-Team ist – darüber muss man nicht streiten. Im Halbfinale besiegten sie Virtus Pro, im Finale bezwangen sie sicher den französischen Herausforderer EnvyUs auf zwei Maps. Der FC Bayern München des eSport werden die fünf Schweden genannt, die ständigen Gewinner. Die Kommentatorin Lauren Scott betonte mehrmals, man müssen fnatic nicht mögen – sondern nur respektieren. Trotz allem hat die ESL One in Köln dennoch gezeigt, wie fair der eSport sein kann.

ESL One Cologne - Die Spannung liegt im Comeback

"Ich weiß nicht wie, aber wir haben es geschafft" Olofmeister von fnatic ist für viele Counter Strike-Fans der beste Spieler der Welt. Der schwedische Top-Spieler ist seit 2013 im fnatic-Kader – und sich auch nach über 50 Tournaments nicht ganz sicher, wieso sein Team den Pokal unter Beifall und Konfetti nach oben reißen durfte. Nicht nur ihm ging es so: Auch die zahlreichen, schick angezogenen Kommentatoren und Analysten hätten fnatic den Gewinn in der ersten Finalrunde nicht zugetraut. Fnatic gilt für viele als das beste Counter Strike-Team der Welt. Deswegen war aber kein Sieg vorhersehbar.

"Ich kann meine Gefühle nicht in Worte fassen."

Olof "olofmeister" Kajbjer nach dem Finale der ESL One 2015

In jedem ihrer Spiele glänzte fnatic durch ein unerwartetes Comeback. Oft lag das schwedische Quintett weit zurück, mit fünf bellenden Hunden im gegnerischen Team - an voll gespannter Leine und direkt vor dem eigenen Hals. Kurz vor dem Matchpoint schaffte es fnatic immer wieder, die verlorenen Runden aufzuholen. Sie analysieren, berechnen ihre Gegner – und drehen so jede noch so knappe Runde. Fnatic sind die gespannte Steinschleuder, die nach 15 Runden zum Schuss kommt. So ein spannendes und gleichsam schnelles und exaktes Comeback war schlussendlich auch der Grund, warum fnatic die lange dominierenden Franzosen von EnvyUs in der zweiten Runde besiegen konnten.

Die plötzlichen Comebacks werden hauptsächlich von den beiden Spielern Robin "flusha" Rönnquist und Olof "olofmeister" Kajbjer getragen. Als sogenannter "Entry Fragger" liegt es am Olofmeister, den ersten Kill der Runde zu machen und es dem Team zu ermöglichen, eine Position zu beziehen. Als "Lurker" ist es die Aufgabe von flusha, sich unauffällig über die Map zu bewegen, die Gegner zu analysieren und sie einzeln zu eliminieren. Die Unberechenbarkeit von fnatic hat besonderen Show-Charakter: Jedes Match, das fnatic auf der diesjährigen ESL One in Köln gewann, wurde zum spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach dem fünften Sieg hoben die schwedischen Jungs auch schon den Pokal in die Höhe – und gewannen damit 100.000 Dollar Preisgeld.

Fnatic - Das erfolgreiche Urgestein

Als das Team fnatic im jahr 2004 gegründet wurde, sah der eSport noch ganz anders aus. Das war eine Zeit, in der man in der ESL seine eigenen Fähigkeiten noch in "Skill Level" einordnen musste. An so etwas wie Matchmaking war zur Zeit von Counter-Strike 1.6 noch nicht zu denken. Das war auch eine Zeit, in der Mäuse noch mit Silikonspray bearbeitet wurden.

Zwischen 2005 und 2012 häufte fnatic in 51 Turnieren für Counter-Strike 1.6 insgesamt über 600.000 Dollar an Preisgeld an. Sofort stieg fnatic zu einem der Top-Teams der internationalen eSport-Szene auf. Im Jahr 2012 konzentrierte sich fnatic hauptsächlich auf das frisch erschienene Counter-Strike: Global Offensive und nahm bis heute an über 75 Turnieren dafür teil.

Auch in Counter-Strike: Global Offensive sollte der Erfolg weitergehen. Alleine im vergangenen Jahr belegte der gleiche Kader, der auch die ESL One für fnatic gewinnen sollte, in 14 Tunieren den ersten Platz, sechs Mal standen sie an zweiter Stelle. Vor allem wichtige Major Tournaments wie das Dreamhack Summer 2015 gewann fnatic virtuos. Die ESL One in Köln stellt trotz aller Erfolge einen besonderen Sieg dar. Ein so hohes Preisgeld von 100.000 Dollar gewann das Counter-Strike-Team von fnatic in seiner gesamten Karriere nur vier Mal. Drei von diesen schwindelerregenden Preisgeldern kamen durch ESL-Turniere, wie die ESL One Katowice 2015, zustande. Aber auch auf dem DreamHack Winter 2013 belegte fnatic den ersten Platz und nahm 100.000 Dollar mit nach Hause.

Auch durch einen anderen Meilenstein wurde der Counter Strike-Kader von fnatic zu einem ikonischen Fünfergespann. Das schwedische Team ist das erste und einzige Team, das drei der sechs bisher ausgetragenen Major Tournaments für Counter Strike: Global Offensive gewonnen hat. Das ist ein Rekord, der fnatic de facto zum besten Team der Welt macht. Und dieses Team war im Juni 2014 komplett, als olofmeister und KRiMZ sich zu den Spielern JW, pronax und flusha gesellten - und so das erfolgreichste Counter-Strike-Team der Welt bildeten.

Quelle: fnatic.com

Die letzte Sprosse der Leiter?

Wer von fnatic spricht, der spricht nicht nur von fünf erfolgreichen Spielern. Seit seiner Gründung vor über elf Jahren ist fnatic zu einem überaus erfolgreichen und umfangreiche eSport-Netzwerk für verschiedene Spiele geworden.Gegründet am 23. Juli 2004 hat fnatic noch heute seinen Hauptsitz in London. Für verschiedene Spiele wie Counter-Strike, Dota 2, League of Legends oder Smite stellt fnatic inzwischen Teams - mit Spielern aus Schweden, Malaysia, Portugal und Südkorea. In Berlin hat fnatic außerdem sein multinationales League of Legends-Team untergebracht, das auch an der Championship Series (LCS) teilnimmt. Geleitet wird fnatic von einem CEO, einem Sales Director, einem Head of Creative Services, zahlreiche Sponsoren stehen dahinter - es erinnert an ein straff geführtes Unternehmen. Und genau das steht im krassen Kontrast dazu, dass der eSport lange nicht von allen als echter Sport anerkannt wird.

Erfolgreich in Counter-Strike zu sein, das kann man den Jungs wirklich nicht absprechen. Sie halten den Rekord für die meisten gewonnenen Major Tournaments, sie haben 1,5 Millionen Dollar Preisgeld in weit über 100 Turnieren angehäuft. Die fünf Schweden von fnatic stehen ganz oben auf der Leiter. Ist die Luft dünn dort oben? Mit Sicherheit. Geht fnatic die Luft aus? Unwahrscheinlich. Jeder Sieg ist ein Schritt von der Konkurrenz weg - im positiven, wie im negativen Sinne.

Quelle: ESL / Foto: Helena Kristiansson

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Autor: Niko | Flakes

Niko ist der Chefredakteur der Bonjwa-Redaktion und für die Publikationen auf Bonjwa.de verantwortlich. Während seines Studiums der Politikwissenschaft trat er im Sommer 2015 dem Team um Niklas Behrens als Autor bei und leitet inzwischen die Redaktion von Bonjwa. Niko spielt hauptsächlich Counter-Strike: Global Offensive und Overwatch.

28. August 2015 - 23:39
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sixxaa
Benutzer
Offline
27.11.2018 - 23:50
15.11.13
358

Schöner Bericht!

Das was dem guten Olof da auf der Bühne widerfahren ist, hat er zwar nicht auszubaden, seine Teammates allerdings schon. Die haben sich es nämlich redlich verdient ausgebuht zu werden aufgrund von nicht adequatem Verhalten.

Es soll ja anscheinend Fans von fnatic geben, denen rechne ich allerdings genauso viel Wert an wie den ganzen FC Bayern Fans im Fußball (abgesehen von denen die vielleicht aus der Umgebung kommen und sich EVENTUELL mit so einem Verein identifizieren können - kanns mir allerdings nicht vorstellen). Es gibt einfach so manche Dinge die in einen Sport / eSport nicht hineingehören und vor allem nicht wenn dieser professionell ausgeführt wird.

Hingegen fand ich die Aktion von TaZ sehr sehr gut und zeigt, dass auch gute Seelen, zumindest was die Publicity angeht, im eSports vertreten sind. Was ein TaZ jetzt im Privaten macht sei ihm überlassen, wenn er allerdings vor nem Millionenpublikum Leute beleidigt, ist es einfach nicht in Ordnung und schadet der kompletten Szene, seinem Team und ergo auch den Sponsoren etc. (was sich dann wieder auf die Szene abwälzt). Wie aber schon gesagt, Olof trifft meiner Meinung nach die geringste Schuld - er ist mMn. die einzige Person bei fnatic die Respekt verdient hat, die anderen meiner Meinung nach definitiv NICHT.