Newcomers - 01: Noh 'BrAvO' Joon Kyu

Das Jahr ist 2015, StarCraft 2 ist fünf Jahre alt – eine lange Zeit im schnelllebigen eSport. Alte Legenden beginnen zu verschwinden und mit ihnen für viele Fans die Magie. Doch neue brillante Köpfe und Persönlichkeiten stehen bereit, um ihren Platz einzunehmen. „Newcomers“ stellt sie und ihren langen Weg ins Rampenlicht vor.

Marco | TripleM 22.09.15

Intro

Je länger eine Szene existiert, desto eher müssen sich die Fans auf etwas gefasst machen. Darauf, dass die alte Garde, mit der zusammen sie angefangen haben, die sie angebetet und angefeuert haben, irgendwann ihre Karriere beendet und sich anderen Reisen zuwendet – ob Militärdienst, Studium oder eine Karriere hinter den Kulissen des eSports. StarCraft 2 ist mittlerweile über fünf Jahre alt und hat schon einige große Spieler gehen sehen - ein Trend, der weiter anhält. Und einer, der nicht so schlimm ist, wie viele vielleicht denken. Ja, alte Legenden hängen Maus und Tastatur an die Wand, doch neue Spieler steigen auf, um eigene Erfolgsgeschichten zu schreiben. In dieser Reihe suchen und finden wir die größten Newcomer der koreanischen Szene im Jahr 2015 – die Legenden von Morgen.

Zuerst gilt es jedoch abzustecken, was denn genau ein Newcomer ist. Für diese Reihe behandle ich jeden Spieler als Newcomer, der 2015 zum ersten Mal einen tiefen Lauf in einem Premier Tournament gemacht hat oder anderweitig herausragende Leistungen erbringen konnte. Der Spieler kann dabei schon drei oder vier Jahre professionell StarCraft 2 spielen, doch wenn erst 2015 der Durchbruch gekommen ist, wird er als Newcomer behandelt, auch wenn er keinesfalls ein vollkommen neues Gesicht in der Szene ist.

01 - Noh 'BrAvO' Joon Kyu

Steckbrief

Rasse: Terraner

Alter: 22 Jahre

Laufbahn:

  • 03/2009 Woongjin Stars
  • 10/2013 SK Telecom T1
  • 11/2014 Samsung Galaxy KHAN

Twitter: @BravO_0925

Stream: ssgbravo

Foto: Kim Yong Woo (fomos.kr)

Anfänge: BrAvO's Zeit bei Woongjin Stars

BrAvO ist ein Paradebeispiel für einen Spieler, der bereits seit langem einer Progaming-Karriere nachgeht, aber erst jetzt einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Der Terraner begann seine Laufbahn bereits im Alter von 14 Jahren – was im Vergleich mit anderen Spielern nicht einmal allzu jung ist – als sogenannter Rookie (also Rekrut) für das Brood War-Team Woongjin Stars. Er war jedoch lange nur ein Mitglied des B-Teams und ein Trainingspartner für die Veteranen des Teams. Eine gewöhnliche Position für neue Spieler in Brood War - doch ein perfekter Platz, um von den besseren Spielern zu lernen und sich selbst zu verbessern.


Das Team Woongjin Stars im jahr 2013, ein jüngerer BrAvO ist rechts zu sehen. Foto: gosugamers.net

BrAvO sah erst zwei Jahre später richtige Action und wurde von seinem Team in der Hybrid Proleague 2011-12 eingesetzt – jenem Wettbewerb während des großen KeSPA-Switches, in dem Brood War und StarCraft 2 Seite an Seite gespielt wurden. Und dort war sein Potenzial erstmals zu erkennen. Neben Spielern wie Soulkey, sOs und ZerO holte er einen 4:2-Score in Brood War und einen 2:0-Score in StarCraft 2, was sich in der darauf folgenden Saison, die nun vollständig in StarCraft 2 ausgetragen wurde, auf einen 10:5-Score verbesserte. Das war ein kleiner, aber nennenswerter Beitrag zum zweiten Platz der Woongjin Stars in der ganzen Saison. Doch externe Umstände bereiteten dem Aufstieg des jungen Terraners ein jähes Ende (ansonsten hätte dieser Artikel auch gut und gerne damals geschrieben werden können): Sponsor Woongjin, von der Wirtschaftskrise gebeutelt, musste die Unterstützung von Sportmannschaften aufgeben. Das bedeutete auch das Ende der Stars.

Doch BrAvO fand schnell einen sicheren Platz, denn kein anderes Team als SK Telecom T1 war dazu bereit, ihn aufzunehmen. Jenes legendäre Team, das einige der größten Terraner der StarCraft-Geschichte hervorgebracht hat – und BrAvO war derjenige, den man als Erben dieser Linie auserkoren hatte. Oder so schien es.

Auf die Bank verbannt: BrAvO bei SK Telecom T1

Zwar konnte BrAvO bei SKT von zwei der besten Brood War-Terraner aller Zeiten – Head Coach iloveoov und Superstar FanTaSy – lernen, doch das Vertrauen des Coaches konnte er sich nur bei zwei Gelegenheiten verdienen. Die ganze 2014er Proleague-Saison über wurde der Terraner nur zwei Mal aufs Feld geschickt, holte einen Sieg, verlor das andere Match und wurde ansonsten auf die Bank verbannt. Sicherlich, das Team hatte ein unglaublich starkes Line-Up und erreichte Platz 2, doch für BrAvO muss es doch eine ziemlich frustrierende Erfahrung gewesen sein. Und so verließ er sein Team nach der Saison, während INnoVation und Dream (die wahren Erben von BoxeR’s Linie) seinen Platz einnahmen.


BrAvO 2014 mit Coach Choi, PartinG, Soulkey und Classic. Foto: SK Telecom T1

BrAvO dachte an den Ruhestand, doch so sollte es nicht kommen. Eine weitere Chance wartete auf ihn bei Samsung Galaxy KHAN, welches sich zu dieser Zeit neu aufstellte. Und BrAvO sollte dabei eine absolute Schlüsselposition zukommen.

Ein neuer Anfang: BrAvO's Aufstieg bei Samsung Galaxy KHAN

Denn obwohl er bei SK Telecom T1 kaum Spielzeit erhalten hatte und in Solo-Qualifiern immer wieder knapp scheiterte, war dieses alte Potenzial des Woongjin-Rookies weiterhin vorhanden gewesen und konnte im harten Training beim Telecom-Team weiter gefördert werden. BrAvO war in beinahe vollkommener Unsichtbarkeit ein starker Macro-Terraner geworden, dem einzig die nötige Erfahrung fehlte, um eine Gefahr für große Spieler zu werden.


Samsung Galaxy KHAN - ein größenteils junges, unerfahrenes Team, welches über dieses Jahr hinweg extrem gereift ist. Foto: Kim Yong Woo (fomos.kr)

2015 war das Jahr, in dem er diese Erfahrung bekam: Coach Song, wie Coach Choi eine Brood War-Legende, setzte auf ständigen Wandel in den Aufstellungen seines Teams – er opferte sofortige gute Ergebnisse dafür, seinen größtenteils jungen und unerfahrenen Spielern Erfahrung auf der Proleague-Bühne zu verschaffen. Eine Strategie, die sich beim ganzen Team auszahlte, darunter bei BrAvO, der äußerst beeindruckende Partien zeigte und selbst bei Niederlagen Eindruck schinden konnte. Insgesamt konnte er einen 10:6-Score erreichen. Dieser sieht nicht nach allzu viel aus, doch die Art, wie er entstanden ist, machen ihn zum Start – zum wahren Start – einer vielversprechenden Karriere. Bei einem Team, das sein Potenzial erkannt hat und zu wissen scheint, wie man es würdigt und einsetzt.

Das ist BrAvO – der SK Telecom-Terraner, den SK Telecom nicht haben wollte –, einer der großen Newcomer des Jahres 2015.

Meilensteine und Besonderheiten

Es war keine leichte Saison für BrAvO. Sein Team Samsung Galaxy KHAN hat viel Hoffnung und Vertrauen in ihn gesetzt, doch der Terraner hat dem Druck tatsächlich standhalten können, was wirklich für ihn spricht. Er hat sich als eine Person entpuppt, die vor Verantwortung dem Team gegenüber nicht zurückschreckt, ebenso wenig wie er vor großen Namen Angst hat. Denn wenn man sich BrAvO’s Hit-Liste mal ansieht, stehen da einige Spieler drauf, vor denen man größten Respekt haben muss: Er gewann Spiele gegen Bbyong, Flash, DeParture, Dream, MarineKing, Jjakji, Rogue, Maru, sKyHigh und Losira. Verloren hat er gegen Sorry, Life, herO, INnoVation, Dark und DongRaeGu.

Wie man sieht, wurde er vorwiegend gegen Terraner und Zerg eingesetzt, ein Hinweis auf seine größte Stärke – BrAvO ist ein ausgezeichneter Macro-Spieler und beherrscht sowohl Bio-, als auch Mech-Play meisterhaft. Zudem wird er von anderen Terranern gefürchtet, da er das TvT-Match-Up bis ins kleinste Detail versteht und daher ein sehr gefährlicher Gegner ist. In Teamleagues nennt man solch einen Spieler einen Sniper, weil er auch Favoriten in diesem einen Match-Up ausschalten kann. Ein Beispiel hierfür ist sein dominanter Sieg über Maru im Juli.

BrAvO nutzte seine Erfahrung im Mech-gegen-Mech aus, um das Spiel zu diktieren und dem in diesem Szenario eher unerfahrenen Maru die Initiative zu nehmen, sodass er ihm seinen eigenen Spielfluss aufzwingen konnte. Dabei stellte er seine starken Macro-Fähigkeiten ebenso unter Beweis, wie seine taktische Überlegenheit. Diese half ihm auch schon in früheren Spielen, etwa in der Zeit, als TvT recht früh durch Marine-Hellion-Raven-Attacken entschieden wurde und BrAvO erstmals auf sich aufmerksam machte.

Als eine Art Meilenstein gilt ebenfalls die Niederlage BrAvO’s gegen Life Ende März anführen, die trotz des letztendlichen Resultats äußerst eindrucksvoll war und sehr gut gezeigt hat, wozu der Terraner fähig sein kann.

BrAvO hatte keine Scheu, mit Bio ein Macro-Game gegen einen Life einzugehen, der zu dieser Zeit in voller Blüte stand. Er zeigte sein Macro, starkes Decision Making und vor allem gesundes Selbstvertrauen. Für mich persönlich war dies dasjenige Match, durch welches es bei mir „Klick“ gemacht hat und ich wirklich auf BrAvO aufmerksam wurde. Hier sah man stellenweise großartiges Gameplay, gar Funken von Brillanz.

Dass BrAvO auch in Zeiten von Mech-Dominanz den Bio-Style beherrscht, zeigt sein Match gegen Losira im August. Trotz der perfekten Voraussetzung – der guten Mech-Karte Vaani Research Station – entschied sich der Samsung-Terraner für Bio. Eine mutige Entscheidung.

Zwar hatte er Probleme damit, das Spiel letztlich zu beenden, doch das ist eher ein Zeichen der Zeit und der Schwäche von Bio, als von BrAvO. Die Partie zeigte seine Flexibilität in der Wahl seiner Komposition, ebenso wie erneut das Selbstvertrauen, das ein großer Spieler benötigt. Es braucht nämlich Courage, Losira mit einer vom Metagame nicht sonderlich favorisierten Einheitenkomposition herauszufordern.

Dieser Terraner hat sich 2015 zu einem Spieler entwickelt, dessen Namen man kennt, respektiert und fürchtet. Zu einem der gefährlichsten Spieler, denen man in der Proleague begegnen kann, wie seine Hit-Liste beweist. Ein Newcomer, der in Zukunft noch Großes erreichen kann.

Bild des Benutzers TripleM

Autor: Marco | TripleM

Mein Name ist Marco, ich bin Student und mittlerweile seit fünf Jahren in der Esport-Szene als Schreiberling aktiv. Mein "Fachgebiet" ist StarCraft (2), und hier vor allem die glorreiche Szene in Südkorea. Ansonsten bin ich sehr großer Fan von anderen Strategiespielen, egal ob in Echtzeit oder Runden. eSport-technisch bin ich außerdem in Dota 2 aktiv.

Darf ich eigentlich meinen Twitter-Account hier pluggen?

27. September 2015 - 20:48
Bild des Benutzers NoBoDy90
NoBoDy90
Core
Offline
19.08.2016 - 17:00
27.06.15
38

Wie heftig war denn mal das 2te Video gegen Life. Ich habe jetzt noch einen Knoten in den Augen, nach der ganzen Action.

Aber warum baut er bei 15:00 min die factories draußen?

Auf jeden Fall ein sehr schöner Beitrag, gerne mehr über Newcomer!!!

1. Oktober 2015 - 11:05
Bild des Benutzers TripleM
TripleM
Benutzer
Offline
29.03.2017 - 16:53
18.08.15
41

Die Factories näher an der Front zu bauen, soll schnellere Verstärkungen garantieren. Normalerweise sieht man das eher mit Baracks im TvP. Das Spiel war richtig, richtig gut - und man muss sich vor Augen halten, dass das ein Life war, der in Höchstform gespielt hat.