Smart Gaming: Kurzsichtiger Leistungsschub

Das Klischeebild des durchschnittlichen Gamers kommt selten ohne Brille aus. Doch beeinträchtigt stundenlanges Zocken tatsächlich die Sehschärfe? Und ist man besonders gefährdet, wenn man sehr nah vor dem Monitor klebt?

Gerrit 06.10.16

Bozen, Italien 1994: Der Radrennfahrer Marco Pantani passiert auf der 14. Etappe des Giro d’Italia den Gipfel des Santa Cristina. Auf der anschließenden Talfahrt setzt sich der italienische Bergspezialist vom Team Carrera hinter seinen Sattel, um eine optimale Aerodynamik zu erreichen.

Köln, Deutschland 2016: Der CS:GO-Spieler Aleksi "allu" Jalli tritt im Halbfinale der ESL ONE an. Zu Beginn der Partie setzt sich der AWPler, also der Scharfschütze des Teams vom Team NIP besonders nah an den Bildschirm, um seine weit entfernten Kontrahenten besser zu spotten.

Aleksi "allu" Jalli auf der ESL One in Köln (link is external), von Helena Kristiansson (link is external), mit freundlicher Genehmigung der ESL

Beide Athleten verbindet der unbedingte Wille, die maximale Effektivität aus ihren Arbeitsgeräten herauszukitzeln. Diese Bereitschaft geht so weit, dass sie dafür ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Während Radrennfahrer Marco Pantani bei seinen kaum kontrollierbaren Abfahrten mehrfach stürzte und infolge einer schweren Verletzung beinahe seine Karriere beenden musste, ist die gesundheitliche Gefährdung, der sich Bildschirmathlet Aleksi Jalli aussetzt, etwas komplizierter.

"Kind, setz dich nicht so nah vor den Fernseher!"

Jeder wird diesen Satz mindestens einmal im Leben von seinen Eltern gehört haben. Darüber hinaus geben Hersteller, Mediziner und Berufsgenossenschaft regelmäßig Empfehlungen über Mindestabstände zu Monitoren und Fernseher heraus. Aber was ist dran an den sprichwörtlich "viereckigen Augen"? Und wie schädlich ist es wirklich, wie Aleksi "allu" Jalli mit der Nase direkt am Bildschirm zu kleben?

Augenarzt Christian Ohrloff, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Augenheilkunde, gibt im Gespräch mit stern.de Entwarnung (link is external): "Wer zu nah am Fernseher sitzt, ruiniert nicht seine Augen." Die häufig zu lesenden Entfernungsempfehlungen zum Monitor haben keine gesundheitlichen, sondern vor allem ästhetische Gründe. Hier spielen eher Fragen nach der Darstellungsgröße eines Pixels auf dem Fernseher (und damit die Diagonale des TV-Geräts) sowie dem Auflösungsvermögen der Augen eine Rolle. Je größer die Pixel und je besser die eigene Sehschärfe, umso weiter entfernt sollte man sitzen. Allerdings könne man von einem geringen Abstand zum Fernseher auf einen bereits bestehenden Sehfehler schließen, so Ohrloff. Vorhandene Kurzsichtigkeit bei Kindern könne demnach der Grund aber nicht die Ursache sein, dass Kinder näher an den Fernseher rücken.

Von südkoreanischen Maulwürfen

Alles gut also? Könnte man meinen. Tatsächlich zeichnen die harten Fakten ein gänzlich anderes Bild. Australische Forscher fanden bei einer Analyse von 40 internationalen Studien heraus, dass die Kurzsichtigkeit weltweit zunimmt. In den westlichen Industrieländern ist aktuell etwa jeder Dritte kurzsichtig. Kurzsichtigkeit, oder Myopie, ist in den industrialisierten Ländern die häufigste Veränderung bei der Entwicklung des Auges. Im asiatischen Raum steigt der Anteil der Menschen, die an Myopie leiden, besonders rasant an. Trauriger Spitzenreiter ist das industrialisierte Südkorea, nicht zufällig auch die Heimat des eSports.

"Wo geht es hier zum Krieg?" Rucksack-Marsch anlässlich einer Gedenkfeier zum Koreakrieg 2012

Foto von Cpl. Han, Jae-ho, Lizenz: CC BY-SA 2.0, Quelle: flickr (link is external)

Laut spiegel online ergab eine Studie unter 23.000 südkoreanischen Rekruten im Alter von 19 Jahren, dass 96,5 Prozent der Soldaten kurzsichtig waren. Oder anders gesagt: Eine gesamte Generation Südkoreaner kann nicht mehr normal in die Ferne sehen. Die jungen Männer hatten eine Fehlsichtigkeit von mindestens minus 0,5 Dioptrien. 20 Prozent der Probanden wurden als extrem kurzsichtig eingestuft. Das entspricht einer Fehlsichtigkeit von minus 6 Dioptrien oder mehr.

Bildung macht blind

Als Hauptursache für diese Entwicklung gilt eine veränderte Lebensweise mit verstärkter Bildschirmnutzung. Ärzte vermuten seit Langem, dass zu viel sogenannte "Naharbeit" den Augen schadet. Dazu gehört das Lesen von Büchern, aber auch die stundenlange Nutzung von Bildschirmen im Büro, sowie der zunehmende Gebrauch von Smartphones und Tablets im Alltag. Diese These wird durch eine Studie von Professor Dr. Frank Schaeffel aus Tübingen untermauert, der bereits 1999 nachweisen konnte, dass Arbeit an Monitoren das Längenwachstum des Auges fördert.

Beim langen Nahsehen wird der Krümmungsmechanismus der Linse überansprucht, der zur Scharfstellung auf ein Objekt in der Nähe dient. Um ein scharfes Bild zu erhalten, sendet die Netzhaut Signale aus, die langfristig zu einem verstärkten Längenwachstum des Auges führen. Vor diesem Hintergrund ist Myopie also eine unfreiwillige Anpassungsleistung des Körpers. Darüber hinaus wird klar, dass sie überwiegend soziale und nicht genetische Ursachen hat. Übrigens: Auch ein höherer Bildungsniveau wirkt sich auf die Sehstärke aus.

„Die rapide Zunahme der Myopie, vor allem in Asien, lässt sich nicht mit genetischen Faktoren erklären", sagt der Augenarzt Alireza Mirshahi. "Wir haben auch 45 verschiedene genetische Faktoren getestet, aber im Vergleich zum Bildungsstand hatten sie kaum einen Einfluss." Mirshahi, der in der Uniklinik Mainz arbeitet, analysierte 2014 die Sehkraft von etwa 14.000 Deutschen. Ergebnis: Bei 35 Prozent der Teilnehmer stellten die Ärzte eine Kurzsichtigkeit fest. Auffällig war, dass bei Studienteilnehmern mit Hauptschulabschluss 27 Prozent, mit Abitur hingegen 51 Prozent kurzsichtig waren. Mit knapp 53 Prozent bekleidete die Gruppe der Hochschulabsolventen den Spitzenplatz.

Wer zuerst blinzelt

Neben langfristiger Veränderung können lange Sessions vor dem Bildschirm aber auch kurzfristig Probleme verursachen. Fast 80 Prozent derjenigen, die täglich länger als drei Stunden am Computer sitzen, klagten laut einer Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz- und Arbeitsmedizin über Beschwerden an den Augen. Dazu zählt unter anderem Jucken, Tränen oder Flimmern. Hintergrund: Wenn wir konzentriert vor dem Bildschirm sitzen, blinzeln wir nur noch unregelmäßig. Das Blinzeln wird dabei etwa auf ein Zehntel der normalen Frequenz reduziert, was nur noch zwei Lidschlägen pro Minute entspricht. Ein schützender Tränenfilm kann so nicht mehr in ausreichendem Maße produziert werden, die dünne Schicht reißt bzw. verdunstet. Zudem ist das helle Licht des Bildschirms schädlich für die Augen. Es führt zur Produktion so genannter freier Radikale.

Bildschirm und Brillen - Ein Zusammenhang ist nicht zu ignorieren, von Nile (link is external), freie kommerzielle Nutzung

Brennen, ein Trockenheitsgefühl und Bindehautreizungen sind die möglichen Folgen. Zudem ermüden Betroffene schneller und leiden an Kopfschmerzen sowie Schwindelanfällen. Hinzu kommen muskuläre Verspannungen und Reizzustände auf Grund einer falschen Sitzposition vor dem Bildschirm. All diese Symptome lassen mindestens zwei Schlussfolgerungen zu:

  1. Es besteht ein Missverhältnis zwischen Sehanforderung beim Zocken und dem tatsächlichen Sehvermögen.
  2. Aufgrund der sozialen Ursache von Myopie kann jeder einzelne selbst aktiv werden, um seine Augen zu entlasten.

Was tun, wenn's brennt?

Menschen, die bereits kurzsichtig sind, wird das Tragen einer adäquaten Brille dringend empfohlen. Darüber hinaus sollte stets bei guter Beleuchtung gezockt werden - dann werden die Augen nicht durch extreme Hell-Dunkel-Kontraste zusätzlich belastet. Gegen müde Augen empfiehlt Augenarzt Ohrloff vor allem Abwechslung: "Wer am Computer arbeitet, sollte alle zwanzig Minuten mal in die Ferne sehen." Das bedeute etwa 10-20 Sekunden ein Ziel in mindestens sechs Meter Entfernung anblicken und dessen Konturen betrachten. Mittlerweile gibt es sogar kostenfreie Apps (link is external), mit denen jeder testen kann, ob man selbst unter Sehstress leidet. Getestet wird dabei unter anderem, wie lange die Augen benötigen, um abwechselnd einen Gegenstand in der Ferne und dann wieder das Display scharfzustellen. Dies regelmäßig in den Arbeitsablauf eingestreut, sorgt für eine deutliche Entlastung der Augen. Besonders der Blick nach Draußen ist empfehlenswert. Studien zeigen, dass Tageslicht Kurzsichtigkeit vorbeugt. Helles Licht hemmt das Wachstum des Augapfels. Forscher vermuten den Botenstoff Dopamin als Ursache. Man sollte darauf achten, beim Spielen bewusst zu blinzeln, um den Tränenfilm aufrecht zu erhalten. Es gibt zudem medizinische Hinweise darauf, dass kräftiges Schließen und Öffnen die Augen zusätzlich entlastet.

Wie viel Stunden man vor dem Rechner investiert und ob einen extreme Sitzpositionen wie von Aleksi "allu" Jalli beim Zocken weiterhelfen, das bleibt selbstverständlich jedem selbst überlassen. Im Rahmen der Bonjwa-Initiative smart gaming wollen wir euch auf die gesundheitlichen Gefahren hinweisen und Inspirationen liefern, wie man verantwortungsvoll mit dem Medium Gaming umgeht.


Hattest du schon einmal Probleme mit den Augen nach einer intensiven Laddersession?

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Gerrit

Starcraft-Fanboy der ersten Generation, der trotzdem nie über die Platinliga hinausgekommen ist... aber inzwischen wunderbar damit leben kann. Ich suchte Sport und eSport und interessiere mich vor allem für die Wechselwirkungen zwischen beiden.

7. Oktober 2016 - 10:48
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Blechfaust
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17.07.2019 - 18:23
16.03.15
281

Joa, also in meinem Fall macht es mir mein Job bei den Leuten, die früher immer behauptet haben, sie seien doch nicht blöd, nicht leicht.

Das einzige Tageslicht kommt durch den Eingang und das - je nach Winkel - sogar eher weniger als mehr. Ob da "in die Ferne gucken" (anderes Ende der Ladenfläche) genug hilft...? Desweiteren guckt man doch schon viel am Rechner. Ware einbuchen, Mails verarbeiten, - der Abstand beim Auszeichen von Waren ist auch nicht der größte -, bei Fragen von Kunden im System nachgucken, etc. pp.

Ich hatte auch mal eine Zeit lang massive Probleme mit roten Augen. Allerdings haben sie sich nicht trocken angefühlt; oder das Gefühl, dass man irgendwas im Auge hätte (wie mit Wimpern oder Schmutzpartikeln). Von trockener, warmer Luft und Lüftungsanlagen bzw. Klimaanlagen, die bei einer solch großen und offenen Fläche einfach nicht Effektiv genug arbeiten können und sind, fange ich lieber garnicht erst an... Ich habe dann einfach ein bis drei Mal täglich Bepanthen Augentropfen benutzt und das hat geholfen.

Nervig ist sowas trotzdem. Und Gesund wirkt man auch nicht auf seinen Gesprächspartner. Dabei ist dieses Wirken im Einzelhandel wichtig. Aber dass dann der Einzelhandel selbst daran schuld ist, interessiert ihn nicht. Lässt sich ja nicht mit Zahlen belegen. Verwaltung und Benchmarking...

Ob ich die Kosten für die Augentropfen für die Arbeit bei der Steuererklärung angeben kann..? ;-(

Ist zwar jetzt mehr auf meine Arbeitsplatz bezogen, aber da verbringt ja auch eher die meiste Zeit seines Lebens...

17. Oktober 2016 - 1:15
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KenVei
Benutzer
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17.10.2016 - 01:15
28.02.15
64

Zumindest die leichte Kurzsichtigkeit ist eigentlich eine sinnvolle Anpassung unserer Augen an unsere veränderte Umwelt. Der Jäger und Sammler war mit +0,5dpt bestens bedient (Bei 0dpt ist zum Blick in die Ferne keine Arbeit der Augenlinse notwendig und Nachts verschieben sich unsere Sehwerte um ca. -0,5dpt. Ergibt also 0dpt bei Nacht und die +0,5dpt können bei Tag i.d.R. mühelos ausgeglichen werden.)

Die Bürokraft z.B. arbeitet i.d.R aber auf einem Abstand von ca. 1m bis 50cm. Da sind Kurzsichtige mit ca. -1dpt bis -2dpt im Vorteil. Nachteilig wird es allerdings z.B. beim Autofahren, wo bei solchen Stärken eine Brille unabdingbar wird. Trotzdem ist eine leichte Kurzsichtigkeit eben nicht zwingend schlecht. Im Alter können Kurzsichtige übrigens oft noch ohne Brille alles lesen, während Normalsichtige das längst nicht mehr können.

Der Anstieg starker Kurzsichtigkeit über -2dpt ist jedoch wirklich besorgniserregend, denn das ist alles Andere als eine sinnvolle Anpassung. Eine Sehstärke von -4dpt z.B. entspricht dabei einem deutlichen Sehen bis 25cm.

Die Gründe für die Myopie-Epidemie in Ostasien sind übrigens noch lange nicht vollständig aufgeklärt. Diskutiert werden hier u.A. auch schlechte Lichtverhältnisse in Schulen und der wachsende Konsum von Milch. Andere Umweltfaktoren können auch noch nicht ausgeschlossen werden. Sicher ist aber noch nichts davon.

Beim Zocken kann neben einer Tageslichtlampe im Hintergrund auch eine Beschichtung für Brillengläser helfen, die einige Blaulichtanteile des Bildschirmlichtes herausfiltert. Diese ist allerdings nicht billig. Zusätzlich dazu kann man auch eine Brille für lange Gaming-Marathons benutzen, wo ca. +1dpt auf die eigenen Sehwerte aufgerechnet werden. Das entlastet die Augen deutlich. Jedoch wird einen der Optiker wohl komisch angucken, wenn man sowas bestellt, weil alles Andere als die Sehwerte auf 0 zu bringen trotz der veränderten Sehanforderungen noch nicht im Lehrstoff angekommen ist. Gegen rote Augen hilft übrigens auch Lüften, weil das sowohl neue Feuchtigkeit als auch neuen Sauerstoff bringt und die Augen brauchen beides.

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