Aufgedeckt: GWENT

Trading-Card-Games, kurz TCGs, sind beliebter denn je. Mit der Artikelreihe Aufgedeckt beleuchten wir jede Woche einen Titel dieser taktischen Spieleart. Diese Woche geht es um GWENT, bekannt aus The Witcher 3.

Marc | Samosis 05.11.2016

Dem Sprichwort nach muss jeder, der gewinnnen will, auch mal verlieren. So nett dieser Spruch klingt, freiwillig verlieren möchte keiner, vor allem im eSport nicht. Doch um im Kartenspiel GWENT erfolgreich zu sein, wird genau das von den Kontrahenten verlangt: Im richtigen Moment dem Gegner einen zu hohen Sieg zuschieben, um am Ende die ganze Partie zu gewinnen.

Das Kartenspiel GWENT war ursprünglich ein Mini-Game in The Witcher 3. Wer nicht pausenlos durch dunkle Wälder streifen und gefährliche Monster bekämpfen wollte, konnte sich bei einer Partie Karten ein paar Münzen dazuverdienen. In den größten Städten wurden sogar richtige Turniere ausgetragen, dem Gewinner winkten Ruhm und ein beträchtliche Prämie. Innerhalb der Spielergemeinde wurde GWENT so beliebt, dass viele sich ein Standalone wünschten. So viele, dass CD Projekt Red den Bitten der Fans nachgab und eine Standalone-Version entwickelte. Das Spiel befindet sich seit Kurzem in der closed beta für Xbox One und PC, Crossplay inklusive.

Einmal verlieren ist auch in Ordnung

Anders als in bekannten Sammelkartenspielen wie Hearthstone oder Magic: The Gathering geht es in GWENT nicht darum, die Lebenspunkte des Gegners auf Null zu bringen. Die Spieler übernehmen die Rolle eines Anführers von den fünf verschiedenen Fraktionen, die es auch in The Witcher 3 gibt, darunter Scoia'tael und die Nördlichen Königreiche. Beide versuchen nun eine möglichst große Armee aufzubauen. Alle Karten auf dem Feld bringen eine bestimmte Anzahl an Punkten. Wer den höheren Wert am Ende einer Runde hat, entscheidet diese für sich. Danach beginnt die Schlacht von Neuem. Das Feld wird geleert und die Spieler müssen ihre nächste Armee aufbauen. Jede Partie besteht aus maximal drei Runden, wer zwei davon für sich entscheidet, hat gewonnen. Die Kontrahenten legen abwechselnd Karten bis der erste Spieler passt, darauf hat sein Gegner einen Zug lang Zeit, so viele Karten auszuspielen wie er möchte. Doch dabei sollte er mit Bedacht vorgehen. Pro Partie werden insgesamt nur drei Karten zwischen den Runden nachgezogen, wodurch diese am Ende zu einem knappen Gut werden. Wenn der Gegner in Führung liegt und passt, kann es sinnvoller sein, die Runde abzugeben, um Karten zu sparen. Vor allem wenn der Kontrahent viele Karten investiert hat und von den Punkten her weit außer Reichweite ist. Wer GWENT meistern möchte, muss sich genau überlegen, wann er seine stärksten Karten auf das Feld legt. Wer 1:0 vorne liegt, kann es im zweiten Durchgang etwas ruhiger angehen lassen und selber früh passen, um Karten für die finale Runde zu sparen. In GWENT geht es darum, den Gegner in einer Runde möglichst hoch gewinnen zu lassen, um im restlichen Spiel vom eigenen Kartenvorteil zu profitieren. Der Reiz des Spiels liegt darin, den Gegner richtig einzuschätzen, um nicht zu hoch zu gewinnen und seine Hand zu verschwenden.

Quelle: CD Projekt Red Pressematerial

Neben diesem Grundprinzip gibt es jedoch auch noch andere Spielmechaniken, die GWENT besonders machen. Auffällig ist das Fehlen von Mana oder einer ähnlichen Ressource, wie sie aus anderen TCGs (Trading Card Games) bekannt sind. Dies, verbunden mit dem Aufteilen einer Partie in drei Runden, führt dazu, dass es kein richtiges Early- oder Midgame gibt. In GWENT können die mächtigsten Karten auch schon im ersten Zug gespielt werden, dafür aber nur eine pro Runde. Das bringt einige positive Effekte mit sich. Zum einen wird jedes Match taktischer und berechenbarer, da auf jede Karte des Gegners einzeln reagiert werden kann. Es gibt keine frustrierenden Kombinationen, die einen schon im ersten Zug das Spiel kosten können. Gleichzeitig wird das Spiel aber auch in seinen Möglichkeiten freier, es gibt keine Beschränkungen durch Mana, wodurch mehr Taktiken ermöglicht werden. Untypisch für das Genre können Einheiten nicht miteinander kämpfen und sich gegenseitig angreifen. Die meisten Karten haben nur einen Effekt, der wirkt sobald diese ausgespielt werden. Danach bleiben sie auf dem Feld liegen und geben nur noch Siegpunkte. Der Rest des Decks besteht aus klassischen Zaubern, die einzelne Monster buffen oder schwächen. Um möglichst viele Punkte zu bekommen, ist es vonnöten ein Deck aus den richtigen Karten zusammenzustellen und die Effekte der Einheiten in Synergie miteinander zu nutzen. Das sollte auch unter Berücksichtigung der speziellen Stärken und exklusiven Karten der Fraktionen passieren. Neben diesen befindet sich in jedem Deck auch eine Anführer-Persönlichkeit, welche ebenfalls bestimmte Fähigkeiten besitzt, wie die Charaktere in Hearthstone.

Ein wenig Poker, ein wenig Magic

Spielerisch betrachtet bietet GWENT eine willkommene Abwechslung zu anderen TGC-Größen wie Hearthstone oder Magic: The Gathering. Auch wenn Matchdauer, Deckgröße und Komplexität den eben genannten Sammelkartenspielen ähnlich sind, unterscheiden sich jedoch die Grundregeln so dramatisch, dass das Spiel wirklich erfrischend anders wirkt. Durch das Aufteilen einer Partie in drei Runden und Anpassungen am Design wie das Auslassen von Mana gewinnt GWENT eine taktische Tiefe, die anderen Titeln des Genres fehlt. Durch den Umstand, dass man nicht jede Runde gewinnen muss, erinnert das Spiel stellenweise an Poker. Den Gegner richtig einzuschätzen und genau zu wissen, wann man seine stärksten Trümpfe einsetzt oder sich zurückhält, will gelernt sein. Wer das Spielprinzip jedoch einmal verinnerlicht hat, wird an dem Konzept sehr viel Freude haben. Das liegt auch daran, dass einzelne Matches nicht so schnell verloren werden können. Lebenspunkte in Hearthstone verschwinden schnell, vor allem wenn kostenlose Feuerbälle über das Spielfeld jagen. In GWENT können Rückstände einfacher wieder aufgeholt werden, eine einzelne glückliche Kartenkombination bedeutet nicht sofort das Ende der ganzen Partie.

Das Spielprinzip ist aber nicht nur GWENTs größte Stärke, sondern auch seine größte Schwäche. Die wenig intuitiven Regeln, die schon viele Gamer in The Witcher 3 abgeschreckt haben, wurden nicht vereinfacht. Das Tutorial ist zwar sehr verständlich, aber niemand wird das Spiel seinen Freunden in der U-Bahn erklären können. Außerdem wirken viele Effekte eines Großteils der Karten noch etwas langweilig im Vergleich zu anderen TCGs. Fähigkeiten wie +2 Stärke für angrenzende Einheiten sind einfach nicht besonders spannend. Hier könnte mit eventuellen Expansionen in der Zukunft gerne noch etwas nachgebessert werden.

Quelle: Bonjwa

Das nächste Hearthstone?

Die Chancen für GWENT zu einem großen Erfolg zu werden, stehen nicht schlecht. Das Spiel wurde erst auf Bitten der zahlreichen Fans von The Witcher 3 hin entwickelt, genügend potentielle Spieler sind also vorhanden. Das heißt auch, dass es mehr Leute gibt, die ihren Freunden die Regeln erklären und sie auf das Spiel aufmerksam machen können. Das Geschäftsmodell ähnelt dem von Hearthstone: Bis auf die Karten, welche auch durch ingame-Währung bezahlt werden können, ist das Spiel kostenlos. Die Einstiegshürde ist dadurch noch niedriger, was zu noch mehr Spielern führen kann. Unter diesen Voraussetzungen könnte GWENT in naher Zukunft durchaus zu einem eSport-Titel werden. Ob das Team hinter dem Spiel diese Entwicklung aber unterstützen wird, ist nicht sicher. Im Moment gibt es zum Beispiel keinen Observer-Modus, eine wichtige Voraussetzung für professionelle Turniere. Als problematisch könnte sich auch das fehlende Know-how von CD Projekt Red erweisen, die nicht wie beispielsweise Blizzard Erfahrung mit eSport-Titeln haben. Auch Hearthstone war ursprünglich nicht auf eine kompetitive Szene ausgelegt oder dafür speziell gebalanced. Als das Spiel später jedoch als eSport immer populärer wurde, konnten wichtige Features schnell implementiert werden. Ob unsere Welt also jemals die gleichen großen Turniere wie die Witcher-Welt erleben wird, hängt auch von den Entwicklern ab. Dafür müssen sich jedoch zuerst genug Spieler finden.

Was haltet ihr von GWENT? Ist das Spiel für euch eine interessante Alternative zu anderen Sammelkartenspielen?

Autor: Marc | Samosis

Grandmaster Terran, mehrmaliger Gewinner der GSL und Retter der Welt. Als dann der Wecker klingelte und ich aufgewacht bin, war ich wieder nur Geschichtsstudent in Düsseldorf, aber das ist auch ganz in Ordnung. Mag alles von Strategie- bis Rennspielen, bin außerdem ganz der Geschäftsmann. Beim richtigen Preis <könnte hier Ihre Werbung stehen!>